Pferde aus Russland – Liebhaberei – Narretei oder mit Vernunft eine runde Sache?

Pferde aus Russland finden in Deutschland und Europa immer mehr Liebhaber, die Qualität der Pferderassen ist unbestritten sehr hoch. Ob es sich nun um Kabardiner, Achal-Tekkiner, Tersker, russische Araber oder ein Pferd der vielen anderen Rassen handelt, alle engagieren sich mit der gleichen Leidenschaft, aber stehen auch vor den gleichen Problemen und Fragestellungen, und diese drehen sich meist um Russland selbst und den Umgang mit der dortigen Situation.

Jeder, der mit Pferden und Menschen aus diesem Land zu tun hat, muss sich dabei über kurz oder lang einigen Fragen stellen.
Korruption herrscht in Russland vielerorts, Reiche werden reicher und beherrschen alle Geschäfte und Arme haben keine Perspektive. Wie kann man unter solchen Umständen dann überhaupt dort Pferde kaufen oder Projekte starten? Unterstützt man dann nicht eventuell die Falschen? Bringt das überhaupt was? Kann ich unter diesen Umständen überhaupt „meine“ Pferderasse fördern oder zumindest erhalten?
Die Antwort dazu kann nichts anderes als ein klares „Ja“ sein. Man muss sogar mit den Menschen dort zusammen arbeiten. Will man die Situation dort verbessern – was in vielen Punkten sicher notwendig ist – hilft es nichts, wegzuschauen und sich in Fatalismus zu flüchten nach dem Motto „es hilft ja doch nichts“.
Natürlich ist es unabdingbar, sich jede Aktion zu überlegen, mit Verstand zu arbeiten und gezielt Missstände zu analysieren und dann zu beheben. Aber auf diesem Weg kann man wirklich etwas bewegen, und das ist wichtig!
Und „Ja“, natürlich kann und muss ich mit „meiner“ Pferderasse weiter arbeiten. Denn die Pferde sind hervorragend und können mit allen anderen Pferderassen locker konkurrieren.

Um das näher zu erläutern möchte ich nun ein paar mehr Informationen zur Verfügung stellen und zeigen, wie ich die Situation und die Perspektive einschätze.

Offizielle und inoffizielle Macht in Russland

Russland ist das größte Land der Erde und seit 1992 in der post-sozialistischen Ära nun eine semipräsidiale Republik mit demokratischen Wahlen und kapitalistischen Strukturen. Soweit der offizielle Teil, dahinter steckt jedoch noch einiges Anderes. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verstanden es einige Personen geschickt, Staatseigentum zu ihrem eigenen Nutzen zu privatisieren. Solange dies politisch konform zu der Regierung in Moskau erfolgte, wurde dies geduldet. Das Ergebnis sind die heutigen Oligarchen – Milliardäre mit hohem Einfluss, die sowohl das Kapital in Russland, als auch die politische Richtung mitbestimmen. Für diese Personen und die ihnen nahe Stehenden, hat sich der Umbruch durchaus rentiert, und sie übertreffen sich gegenseitig nur mit immer neuen und wahnwitzigeren Ideen, ihren Reichtum auszudrücken. Der Staat achtet hierbei aber peinlich genau darauf, dass gewisse politische Richtlinien eingehalten werden und eigentlich private Konzerne unterstützen politische Ansinnen des Kremls oft genug durch „zufällig gleichzeitig“ auftretende Aktionen. Man denke hierbei nur an Gazprom, die den politisch bestimmten Druck auf ehemalige Ostblockstaaten durch Erhöhung von Gaspreisen für „nicht konforme“ Partnerländer plötzlich deutlich erhöhen.

Die einfache Land-Bevölkerung

Dem gegenüber steht die einfache Bevölkerung Russlands. Ein Volk, das es gewohnt war in Kolchosen zu dienen und nach Plan zu arbeiten. Ein Volk, das großes im Sinne des Gemeinwohles vollbracht hat und dem nun die Planung abhanden gekommen ist und das eigenständig aktiv werden muss – aber mit politischen Widrigkeiten zu kämpfen hat.
Die Bearbeitung von Land z.B. ist heute sehr wohl möglich. Problematisch ist jedoch, dass Pachtverträge oder Kaufverträge für Land selbst nach einigen Jahren als ungültig erklärt werden können, so dass geleistete Arbeit zunichte gemacht wird. Perspektiven gibt es unter derartigen Umständen nur wenige, und die leider noch sehr häufig übliche Korruption erleichtert die Umstände auch nicht.

Die Extreme zwischen diesen beiden Bereichen Russlands sind so extrem wie in kaum einem anderen Land. Während in Moskau schlossartige Anwesen mit mehreren hundert Angestellten in großer Zahl zu finden sind, leben die einfachen Leute in winzigen Häusern mit meist kaum mehr als 20m² ohne fließend Wasser, Bad oder getrennten Zimmern. Das lebensnotwendige wird in einem kleinen Garten gehalten oder angebaut, Arbeit ist kaum zu finden.
Die Reichen und Superreichen nehmen von den Problemen im Land kaum mehr Notiz und leben in ihrer eigenen Welt.

Import von Pferden

Wie kann man nun zum Beispiel Pferde von dort kaufen, wenn doch aller Handel in Hand der Reichen ist? Macht man dann diese Gruppe nicht noch reicher? Ist das der Sinn der Sache?

Nun zuerst einmal zu den Pferden selbst. Der Kabardiner ist ein Arbeitspferd, das Pferd der armen Leute und Bauern. Heute sind noch immer in vielen Höfen der einfachen Leute Kabardiner Pferde zu finden, sei es zum Anspannen vor der Kutsche oder als Reitpferd um Besorgungen zu erledigen, eigene Produkte zum Markt zu bringen, oder Besuche zu absolvieren. So ein Pferd hat für Wohlhabende und Reiche als Statussymbol kaum Wert – kann doch jeder Bauer sich so ein Pferd leisten. Natürlich gibt es auch Herden, die dann aufgrund der Größe als Statussymbol dienen können, aber die prozentuale Anzahl am Gesamtpferdebestand ist doch ausgewogen, und im kleinbäuerlichen Bereich finden sich noch immer sehr viele Pferde.
Und genau hier muss man ansetzen. Pferde für den Import nach Europa (ob diese über Händler oder einen Verein hierher kommen ist egal), müssen primär von einfachen Menschen kommen, und diese sollten dafür etwas mehr als den landesüblichen Preis erhalten – aber auch keine Unsummen. Wichtig ist dabei den Menschen vor Ort zu erklären warum welches Pferd genommen wird und warum ein Anderes nicht. Nur so können die Menschen dort lernen, dass Pferde mit großem Satteldruck in Deutschland schlechter zu verkaufen sind und gut gepflegte und gesunde Pferde schnell einen besseren Preis erzielen. So kann einfach und effektiv Menschen vor Ort geholfen werden UND auch den Pferden dort, da mit der Verkaufsoption die Pferde allgemein besser behandelt werden.

Mit diesem Vorgehen kann man bei den Kabardinern ganz konkret den einfachen Menschen vor Ort helfen – und unter diesen Umständen macht das durchaus viel Sinn und Wert.

Durchführung von Projekten

Aber die Unterstützung einfacher Bauern durch Pferdeverkauf ist nur ein Baustein. Wenn man die Situation für die Menschen positiv beeinflusst und es schafft, ihnen über die Pferde eine Perspektive zu geben, dann ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung. Dies kann aber auch auf anderen Wegen als durch den Verkauf geschehen.

Ein großes Problem ist die Qualität der Reitkenntnisse im Kaukasus. Vor noch 30 Jahren und weiter zurück, waren die Tscherkessen für ihre Reitkunst zu Recht berühmt. Leider hat sich das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht erhalten und das reiterliche Niveau ist nun einer der wichtigsten Punkte, an denen gearbeitet werden muss. In Anlehnung an die Idee der deutschen Pferdewirtausbildung soll nun im Kaukasus ein Zentrum gegründet werden. In diesem Zentrum sollen jungen Erwachsenen die wichtigsten Grundlagen auf den folgenden Gebieten gelehrt werden: Reiten, Pferdezucht und -haltung, Pferdeausbildung und -training, Grundlagen von Landwirtschaft, Ökonomie und Ökologie, sowie Tourismus und Englisch als Fremdsprache, das Ganze im Rahmen eines ca. 12-monatigen Lehrganges.
Dabei soll das nicht Selbstzweck sein, sondern die in dieser Zeit ausgebildeten Pferde sollen anschließend in den Disziplinen Distanzreiten und Vielseitigkeit ihre Qualität beweisen und – aufgrund der guten Ausbildung – teurer als „normale“ Pferde aus der Region verkauft werden und so zur Finanzierung des Projektes beitragen. Dieses Zentrum soll auch gleichzeitig als Basis für Touristen dienen, die zum Einen den Lehrbereich dort kennen lernen möchten, aber dann auch mit Pferden die Region bereisen wollen. Vor allem aber soll das Zentrum auch Vorbildcharakter haben und mit Erfolgen bei Wettkämpfen und durch Zuchterfolge beweisen, dass qualitätsvolle Arbeit Vorteile birgt. Deshalb wird das Zentrum auch Unterstützung für weitere Züchter anbieten, die gefallen an den „neuen“ Ideen gefunden haben.

Ein anderes Projekt ist entstanden aus der Notwendigkeit die genetische Basis der Kabardiner Pferde zu nutzen, um die Linienführung wieder zu vervollständigen. Dazu ist eine Kooperation der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Nalchik initiiert unter Finanzierung der Volkswagenstiftung. Ziel ist die wissenschaftliche Zusammenarbeit der beiden Institute und Förderung des Wissenstransfers, womit im Kaukasus ganz neue Perspektiven eröffnet werden.

Diese zwei exemplarischen Projekte zeigen hervorragend, dass die Arbeit mit und um die Pferde viel bewegen kann – auch außerhalb des klassischen Pferdebereichs. Selbst Ministerien in den betroffenen Republiken sind schnell interessiert wenn ein gutes Konzept vorliegt, und so sind auch behördliche Schwierigkeiten nicht vorhanden. Sogar Sponsoren aus den Reihen wohlhabender Bürger sind dann häufig möglich und Projekte die eigentlich zu groß erscheinen, sind einfacher machbar als Anfangs gedacht.

Tourismus

In dem ersten obigen Projekt bereits angerissen, kann auch der Tourismus helfen, neue Perspektiven zu nutzen. Die Frage ist nur, kann man Menschen empfehlen in so ein Land zu reisen, das man nun selbst schon kennen und meist lieben gelernt hat, das aber sicherlich nicht einfach ist?
Die Antwort dazu kann nur ein ganz klares „Ja“ sein. Man muss Menschen empfehlen, dieses Land zu bereisen. Natürlich ist eine vorherige Planung unabdingbar, und es ist zu überlegen wie und in welchem Rahmen eine Solche Reise statt findet. Darüber hinaus ist es wichtig, Interessierten vorab die Situation klar aufzuzeigen. Wer z.B. Reittourismus wie in der Toskana erwartet, der ist im Kaukasus nicht richtig. Wer aber ein Abenteuer auf wunderbaren Pferden in einer fantastischen Landschaft sucht und auch vor Nächten im Zelt und kleinen Hütten nicht zurückschreckt, auch mal einige Tage auf eine Dusche verzichten kann und sich statt dessen in einem Bach wäscht, der wird Freunde finden und einen Urlaub erleben, der seines gleichen sucht.

Und ein Urlauber muss auch mit der sozialen und politischen Situation vor Ort klar kommen. Wenn man sich z.B. die Hauptstadt Kabardino-Balkariens ansieht, so erkennt man schnell die Fortschritte gegenüber der Sowjetzeit. Moderne Einkaufsstrassen, interessante und schön hergerichtete Sehenswürdigkeiten gibt es und somit einiges zu sehen. Aber man findet auch Verfall – so zum Beispiel den der einstigen Kurhäuser oder der noch nicht privatisierten Hotels, die noch weit von westlichen Standards entfernt sind. Auch der Service differiert hier enorm, so gibt es Stellen wo man überaus zuvorkommend behandelt wird und andere, wo man meint Bittsteller in einer kommunistischen Vergangenheit zu sein. Gerade wenn man dann aber zu kleinen Handwerkern geht, die noch Traditionen pflegen, wird man begeistert sein von der Freundlichkeit der Menschen und deren Hingabe zu ihrer Arbeit.

Offensichtlich sind auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich. Villen in speziellen Stadtteilen und exklusive Kaufhäuser stehen in hartem Kontrast zu einfachsten Behausungen am Stadtrand und noch mehr am Land. Vielerorts gibt es keine Arbeit und man überlebt nur, weil man das nötige selbst anbaut und Hasen, Hühner oder Kühe hat. Oft fühlt man sich wie in ein anderes Jahrhundert versetzt und kann nicht verstehen, warum die reichen Leute nicht etwas abgeben. Dennoch sieht man hier auch überall glückliche Leute, die gerne das wenige mit einem teilen, zu Festen zusammenkommen oder Pferderennen auf einem abgeernteten Feld veranstalten. Und das Klischee „das alles ist nur mit Wodka zu ertragen“ ist glücklicherweise weit übertrieben. Die Tscherkessen haben zwar den Wodka von den Russen übernommen, sind dem aber nicht so anheim gefallen, dass er nun das Leben bestimmen würde. Feiern können die Tscherkessen auch so!

Die Situation ist nun mal wie sie ist. Ändern kann man daran etwas wenn man dorthin reist. Man bringt Geld in die Region, und wenn die Reise gut organisiert ist, landet das Geld eben nicht auf den Konten von Leuten, die das gar nicht mehr merken, sondern genau die einfachen Leute bekommen nun eine Perspektive, die sie vorher nicht hatten! Nun auf solch eine Reise zu verzichten, erweist sich im Gegenzug als fatal – weil man eben nicht hilft die Situation zu ändern.

Ganz unabhängig von all dem ist der Kaukasus einfach sehenswert! Sei es die grandiose Landschaft mit Canyons, die auch die USA klein aussehen lassen, oder der alles überstrahlende Elbrus, die gigantischen Weiden der Pferde auf über 2000m, Flüsse, Berge, Schluchten, Tiere, Pflanze – kurzum eine Natur, die einem den Atem raubt. Daneben dann warme Quellen, einfache Quartiere, waschen am Bach und abends am Lagerfeuer ein Schaschlik, wie nur die Tscherkessen es anfertigen können. Jeder der einmal dort war, wird eigentlich nicht mehr weg wollen und sicher wiederkehren. Und das hat nun rein gar nichts mit Verklärung zu tun, denn nahezu alle abenteuerlustigen Reisenden der letzten Jahre werden genau dies bestätigen.

Die im Artikel enthaltenen Impressionen sollen dabei nur ein Vorgeschmack sein.

Zum Abschluss möchte ich noch mal zusammenfassen: Russland ist sicher nicht einfach, aber den Kopf in den Sand zu stecken, ist der falsche Weg. Mit Vernunft, Planung und Engagement lässt sich viel bewegen und erleben, und genau das ist der richtige Weg für die Pferde aus Russland und jeden, der in dieses Abenteuer mit einsteigen will!