Interview Juliette Mallison

 
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Am 23.Mai 2006 fand in Russland das russische Championat statt, zu dem auch Frau Dr. Juliette Mallison angereist war. In diesem Zusammenhang hat Tobias Knoll für den Verein "Freunde und Förderer des Kabardiner Pferdes e.V." folgendes Interview mit Frau Dr. Mallison geführt.

K:
Guten Tag Frau Dr. Mallison. Sie waren im Mai als "President Ground Jury" bei der russischen Meisterschaft, zusammen mit Ann Meyer als "Technical Delegate" - wie war's?

M:
Es war toll. Das ganze fand aus einer Art National Monument statt, einem Feld, auf dem Russland 1812 Napoleon eine große Schlacht gegen Napoleon geschlagen hat. Es ist historisches Gelände, immer wieder trifft man auf Statuen und Monumente und die Landschaft ist herrlich, leicht hügelig mit einer Art feuchten Steppenlandschaft. Man sieht viel Schilfgras, auf der Strecke ist auch eine Flussdurchquerung an einer Furt und ein Teil der Strecke ging an einem großen Stausee entlang.

K:
Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, zu dieser Veranstaltung zu fahren.

M:
Ich bin eingeladen worden - und habe gerne zugesagt. Ich freue mich immer in Länder zu fahren, die noch nicht so lange in unserem Sport sind und die man unterstützen kann. Den Kontakt in Deutschland hatte Frau Anna Gugunava aus Tanneneck/Schwarzwald vermittelt.

K: Erst mal kurz zu dem nebensächlichen: Wie waren Sie untergebracht und wie empfanden Sie die russischen Kochkünste?

M: Wir waren auf dem Veranstaltungsgelände in einer Art Pioneer-Dorf untergebracht, in dem 2 Gebäude bereits sehr gut renoviert waren. Es war sehr schön gelegen und wir fühlten uns sehr wohl. Interessant war auch die etwas überwucherte Leninstatue vor den Gebäuden. Gegessen haben wir gleich nebenan in einem kleinen Restaurant, in dem - glaube ich - kaukasisch gekocht wurde. Ich esse in fremden Ländern immer das landesübliche und habe die Küche dort sehr genossen.

K:
Hatten Sie Zeit noch etwas anderes von Russland zu sehen?

M:
Wir sind vom Flughafen von Herrn Vitali Buzdov abgeholt worden und dann - weil wir noch etwas Zeit hatten - über den roten Platz gefahren und haben so quasi eine Sightseeing-Tour nebenbei gemacht. Das war schon recht beeindruckend und natürlich erfreulich.
Außerdem waren wir am Sonntag abend noch im "Moskau-Horse-SportsClub", in dem auch Vinograd steht von Frau Luschkow (die Frau des amtierenden Bürgermeister Moskaus). Eine sehr imposante Anlage - wobei ich den Pferden aber mehr Freiheit wünschen würde.

K:
Nun wieder zum Distanzritt zurück. Wie war die Strecke beschaffen und wie lief die Organisation des Rittes

M:
Die Strecke war nicht allzu schwer zu reiten. Es war eine Art Lehm/Sand-Boden, allerdings gab es auch Stellen, an denen man aufpassen musste und die bereits erwähnte Furt muss ein Pferd natürlich auch überwinden. Start, Ziel und Gate waren auf dem Gelände einer alten LPG - neben dem Museum des Nationalgeländes. Das alte LPG-Gelände wird von einem Ehepaar bewirtschaftet, das auch Veranstalter - eigentlich sogar Erstveranstalter - war. Natürlich läuft da noch nicht alles völlig problemlos, aber es lief sehr gut. Kleinigkeiten kann man natürlich immer verbessern - zum Beispiel an den Markierung. Aber es gab kaum Pferde die sich verritten hatten. Insgesamt war die Organisation sehr gut.
Das Ehepaar selbst züchtet übrigens Tersker Pferde, wodurch auch der Kontakt zum Distanzreiten gegeben ist.

K:
Wie waren die Leute von der Organisation, die Offiziellen, die Helfer und andere Leute, die Sie kennen lernten?

M:
Sehr nett und sehr engagiert. Man hat sich einfach wohlgefühlt! Man hat sich unheimlich viel Mühe gegeben dem Anspruch einer russischen Meisterschaft gerecht zu werden und das hat auch geklappt. Alle waren sehr freundlich und aufgeschlossen.

K:
Nun zu den Pferden. Wieviele Starter gab es und was für Pferde waren vertreten?

M:
Es waren 30 Pferde am Start, darunter ein paar russische Warmblüter, eine handvoll Budjonnys und Tersker, vor allem aber Kabardiner und Karachaier Pferde aus dem Kaukasus, die zum Großteil fast 1800km angereist waren.

K:
Wie haben Ihnen die Pferde - speziell die die Kabardiner Pferde - gefallen?

M:
Die Pferde haben mir gut gefallen - natürlich auch die Kabardiner. Speziell diese haben durch ihre Aufzucht auf 2500-3000m sehr gute Voraussetzungen für den Distanzsport und wenn man bedenkt wie wenig Selektion für diesen Sport bisher betrieben wird und wie niedrig die Anzahl dieser Pferde im Distanzsport noch ist - bei nicht unmerklichen Erfolgen - , so ist dort sicher noch einiges an Potential.

K:
Sind Ihnen Mankos an den Pferden aufgefallen?

M:
Die Pferde sind trainiert, das sieht man, aber nur "natural" - einfach viel geritten -, ohne ein strukturiertes Training. Außerdem sieht man in Richtung HorseManShip noch einiges, was wir uns besser wünschen würden. So sind immer wieder Satteldrücke und Beulen zu sehen, sowie angelaufene oder dicke Beine und viele Narben - das ist Schade und könnte und müsste besser sein. Bei diesen Randbedingungen gehört natürlich auch etwas Glück dazu anzukommen. Vor allem merkte man auch, daß manche Pferde vom langen Transport etwas klamm waren. Diese sahen zwar in der Voruntersuchung nicht so gut aus, konnten aber passieren und liefen dann besser als man anfangs erwartet hatte.

K:
Wie präsentierten sich die Reiter?

M:
Sehr engagiert und diszipliniert. Auch wenn einer mal wo eine Minute warten musste, gab es deswegen keinen Stress. In dieser Hinsicht zeigte man sich sehr professionell. Reiterlich haben sie noch Möglichkeiten sich weiter zu entwickeln und so auch bessere Plazierungen zu erhalten. Sie nehmen Ratschläge gerne an und hören interessiert zu, wenn man ihnen Tipps gibt.

K:
Wie lief der Ritt ab? Was machte ihn leicht oder schwierig?

M:
Die höchsten Ansprüche stellte das Wetter, so war es morgens trüb und neblig, mittags gab es 24°C bei strahlendem Sonnenschein und abend goss es aus allen Kübeln. Der Ritt selbst lief sehr diszipliniert ab. Die Reiter ritten vernünftig und in einem angemessenen Tempo, es gab kein lautes Wort und es machte viel Spass dabei zu sein.
Unterwegs konnte man die Reiter in einer Art Gänsemarsch geordnet hintereinander reiten sehen, ohne daß es Gedrängel gab.
Die Strecke forderte aber schon einigen Tribut an Reiter und Pferde. So konnten leider 20 Pferde den 160km-Ritt nicht in der Wertung beenden. Bei den kürzeren Strecken verhielt es sich ähnlich.

K:
Und das Ergebnis? Wer hat gewonnen?

M:
Auf den vorderen Plätzen landeten Kabardiner - darunter auch ein Schimmel. Interessant vielleicht auch Aslan Mambetov als 9.plazierter auf dem Kabardiner Maschuk, der auch bereits in England den Red Dragen Ritt 2005 auf dem 5.Platz abgeschlossen hat.

K:
Wie sehen Sie die Zukunftschancen Russlands im Distanzsport?

M:
Russland hat hervorragende Pferde. Wenn hier mehr selektiert wird und die Professionalität im Training, der Betreuung und beim Reiten und Ritt noch weiter steigt, dann haben die russischen Reiter sehr gute Chancen auch international mitzuhalten.
Die Organisation war schon jetzt gut, so daß ich mir vorstellen kann, dass in den nächsten Jahren auch die internationale Beteiligung noch steigt.

K:
Noch so als Resumee: Was ist Ihnen positiv und negativ an Russland aufgefallen?

M:
Als positiv ist unbedingt die Gastfreundlichkeit zu nennen. Man wird freudig empfangen, perfekt ver- und umsorgt und fühlt sich einfach wohl. Als Negativ ist am ehesten der Unterschied im Wohlstand zu nennen. So gibt es einige extrem Reiche und viele, die mit eine paar Rubel überleben müssen. Dazwischen sind viele, die 2, 3 oder gar 4 Jobs haben, um voran zu kommen. So habe ich mich mit einer Tierärztin der Veranstaltung unterhalten, die nebenbei noch ein selbstständiges Geschäft aufbaut. Dieses Engagement, das diese "Mittelschicht" leistet ist enorm und sehr beeindruckend. Man bekommt dort nichts geschenkt und muss sich jeden Schritt hart erarbeiten.

K:
Würden Sie wieder nach Russland zu einem Championat fliegen?

M:
Jederzeit und gerne!

K:
Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre ausführlichen Antworten.


Weiterführende Links zum Thema:
http://www.kabardiner.de
http://www.kabardiner.org
http://www.endurance.ru
http://www.terets.ru
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Borodino