Der Samstag begrüßte uns mit noch kälterem Wind (war das möglich?), der Himmel war jedoch fast wolkenlos blau und die Sonne versuchte, uns den Rauhreif von der Haut zu lecken, was ihr jedoch nicht sonderlich gut gelang.
In der Reiterstube waren schon alle zum Frühstück versammelt und so stießen auch wir dazu, es gab sogar noch Semmeln und reichlich was zum „drauftun“. So mancher machte ein etwas überraschtes Gesicht und bei näherem Hinsehen entdeckten wir auch bald den Grund dafür – vor ihm lag auf einer Schale ein großer Haufen rohes, durch den Wolf gedrehtes Fleisch... - Daneben ein Teller mit ausreichend Zwiebeln und Gurken, der darauf hinwies, dass diese „Rohkost“ als Brotaufstrich gedacht war. Nichts für zarte Gemüter und schwache Mägen!
Natürlich probierte auch ich eine Portion davon mit Zwiebeln und Gurken und oh Wunder – das schmeckte gar nicht schlecht. Man muss dazu erwähnen, dass bei uns zuhause früher auch oft geschlachtet wurde und ich von kleinauf schon an Anblick und Verzehr von allerlei frischer Schlachtware gewöhnt bin. Trotzdem ist rohes Fleisch zum Frühstück ein ungewohnt harter Anblick und erst recht ein noch härterer Genuss!
Ein anderes Gesicht als sonst, nämlich ein ziemlich blasses, machten auch Karin und Tobias ob dieser dargebotenen „Fleischeslust“ – klar, als Vegetarier!!!
Mir hat‘s jedenfalls geschmeckt und der Kaffee war prima, darüber waren sich, glaube ich, alle einig (außer den Teetrinkern natürlich, die aber auch mit Tee bedient wurden!)
Nach dem Frühstück bat uns Herr Erxleben nach draußen, die Vorstellung seiner Pferde begann. Er holte zwei Wielkapolski-Konik-Pferde, deren Wildpferd-Zeichnungen ich sehr beeindruckend fand, einen Kabardiner-Jüngling von 3 Jahren, das verkauft werden sollte, einen Kabardiner-Brandenburger, sowie einen Brandenburger, um zu zeigen, welchen Einfluß diese Rasse auf die Einkreuzung in die Kabardiner hat. (Anm. Tobias: natürlich sei darauf hingewiesen auch im Sinne von Herrn Erxleben, daß man natürlich nicht wild kreuzen soll und daß dies in diesem Falle eine gute Gebrauchskreuzung ist, aber natürlich nicht das Ziel einer erhaltenden Zucht)
Bald nachdem die Pferde angebunden waren, kamen noch zwei Kabardiner, eine Stute und ein Hengst, wobei letzterer sich ganz besonders „hengstig“ zeigte und deshalb etwas abseits angebunden wurde. Diese Pferde gehören einem mit Herrn Erxleben befreundeten Paar, das offensichtlich besonders am Wanderreiten gefallen findet (Anm. Tobias: wobei der Hinweis gestattet sein, dass obwohl Kabardiner aus Russland sind und hart im nehmen und dort auch rauerer Umgang herrscht, wir hier in Deutschland sie auch gerne mit ein bisschen fürsorglicherem Umgang verwöhnen dürfen).
Nun wurde anhand der Pferde viel betrachtet, diskutiert und fachgesimpelt, über typische Rassemerkmale, Zuchtspielräume oder Haltungsfragen.
Dann war es an der Zeit, nach der Theorie auch noch die Praxis anzuschneiden, Herr Erxleben bot alle seine gezeigten Pferde zum Reiten an, zuerst auf dem ausreichend großen Gelände-Reitplatz, später evtl. auch noch bei einem Ausritt. Die Konik-Stute wurde zuvor jedoch noch in den Stall zurückgebracht, da sie rossig war und etwas zuviel Unruhe in die restlichen Pferde brachte.
Auf dem Reitplatz war dann das Interesse an den Pferden groß, ich selbst ritt auf dem Konik-Wallach, dessen weicher Galopp mir sehr zusagte, bin ich von unserer Dombra doch anderes gewohnt. Alle anderen Pferde wurden ebenfalls rege bewegt, Herr Erxleben ritt den Brandenburger, Ibrahim musste natürlich mal ein paar Runden auf dem Kabardiner-Hengst drehen, was ihm augenscheinlich gefiel. Überall wurde mal durchgewechselt, wer immer an einem speziellen Pferd interessiert war, konnte es auch mal einige Zeit auf dem Platz bewegen. Es fanden sich auch viele Zuschauer ein, um das bunte Treiben zu beobachten, Reiterkollegen und solche, die es vielleicht einmal werden wollen.
Nach etwa einer Stunde wurden die Pferde wieder zurück zum Anbindeplatz gebracht, es war Zeit für ein kleines Mittagessen. Es gab Kesselsuppe, also gekochtes Schweinefleisch, das frisch von der Schlachtung kommt, ein doch mitunter sehr deftiges weil fettes Vergnügen, deshalb wurde auch reichlich Weißbrot gereicht. Man konnte soviel Nachschlag bekommen, wie man wollte und vor allem wärmte es nach dem langen Aufenthalt im kalten draußen sehr schön.
Karin und Tobias entzogen sich diesmal der Verköstigung und beschlossen, ihrer vegetarischen Einstellung wieder etwas mehr Beachtung zu schenken, was ihnen in Königswusterhausen bei Gemüse-Döner und asiatischen Genüssen ganz gut gelang.
Nach dem Mittagsmahl wurde der Ausritt in Angriff genommen, sechs Reiter gingen mit Herrn Erxleben auf eine längere Entdeckungstour hoch zu Ross ins Südberliner Umland.
Wir nahmen die Zeit wahr, indem wir uns mit Getränken für die Nacht und den nächsten Tag rüsteten und einen kleinen Spaziergang um den Hof machten.
Gegen 16:30 kamen die Reiter wieder zurück und berichteten von dem schönen Ausritt-Erlebnis in dieser besonderen Landschaft mit ihrer flachen sandigen Struktur und den vielen kleinen Seen und Wäldern, wo man noch ausgedehntere Birken-Haine antreffen kann.