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Dann kam der Abend:

Im Laufe des Vorabends trafen dann noch etliche weitere Besucher ein, Konuk aus London, 2 Mitglieder des leider aktuell inaktiven tscherkessischen Vereins Berlin, Herr Bender aus Schleswig-Holstein, dessen Tochter gerade den Distanzritt bei Berlin gewonnen hatte (am gleichen Tag) und auch noch ein Cousin von Zaur mit Familie (um nur einige zu nennen, die nicht genannten mögen es mir entschuldigen).

Vielerlei Erwartungen hatten wohl alle, die zu diesem Treffen angereist waren, vor allem an den kommunikativen Austausch mit Kabardinerfreunden aus anderen Teilen Europas. Wirklich war es dann auch sehr international, waren doch nun neben den Gästen aus Deutschland, Frankreich, Polen und der Slowakei auch noch Gäste aus England und einige Tscherkessen dazu gestoßen.

Doch vor dem Austausch begann der Abend musikalisch. Herr Erxleben hatte 2 Musiker engagiert, die leider - da sie etwas kurzfristig von dem Thema des Abends erfahren hatten - ein für manche etwas unerwartetes Repertoire hatten, aber dennoch eine Bereicherung darstellten. Sie gaben sich auch große Mühe dem Motto möglichst gerecht zu werden, Stimmung kam vor allem bei "Aus den blauen Bergen .." auf. Wenn eben auch für manche ungewohnt und sicherlich für die ausländischen Gäste die Texte unverständlich waren, so gefiel das ganze doch sichtlich und der Applaus war groß.

Dann ging es über zum Essen und schon mehrfach hatten einige im Vorraum beim vorbeigehen die verschiedenen Schalen mit Senf und Ketchup gesehen. Die Gedanken der einzelnen wanderten, zu gegartem Gemüse, Grillspießen und natürlich Wodka. Gerade um die klischeehaften wilden russischen Wodka-Gelage drehte sich nicht ganz angstfrei auch mein Denken.

Serviert wurden dann hervorragende Cevapcici und Steaks und auch wenn einige Angst hatten, das Essen wäre etwas wenig, so wurde doch genug nachserviert und die Angst erwies sich als unbegründet.

Wodka fehlte - andererseits kamen wir so nicht in die Verlegenheit der "russischen Wodka-Gelage", was sicherlich auch nicht verkehrt ist. Ich war mir nicht sicher, enttäuscht oder erleichtert zu sein.

Jetzt bot sich endlich die Gelegenheit zu Gesprächen und während und nach dem Essen wurde bereits wieder reichlich miteinander kommuniziert.

Als nächstes stand ein ein Bericht von Ibraghim über seine Teilnahme an den Weltreiterspielen in Jerez, seine Pferde und seine weiteren Vorhaben für die Zukunft. Da Ibraghim kein Deutsch und nicht ausreichend englisch spricht, übersetzte freundlicherweise ein Dolmetscherin/Frau Dr. Olga Rösch simultan. Der Bericht war sehr interessant, auch bezüglich der Schwierigkeiten, die die russische Regierung immer wieder macht, wenn sie sich, wie so oft, einmischen und an privaten Erfolgen teilhaben will.

Ibraghim berichtete wie aufwendig alleine die Vorbereitungen zur Reise waren, wie er mit dem Transporter durch Europa reiste, dabei bereits im Juli schon einmal bei Kurt Erxleben zu Gast war und dort überaus gastfreundlich empfangen worden war. Besonders gefiel ihm die damalige "extravagante" Begrüßung mit der sowjetischen Nationalhymne und der russischen Begrüßung durch Kurt mit "Tawarisch" (Anmerkung: die Sowjethymne ist heute natürlich nicht mehr so beliebt in Russland, gerade im Kaukasus, ebenso ist der Begriff "Tawarisch" zwar als "Freund" gebräuchlich, aber eigentlich eher als "Genosse" zu übersetzen, was auch wieder aus der Sowjetzeit stammt.) Ibraghim war sich aber im Klaren, wie das gemeint war und freute sich so über diese Begrüßung.

Man merkte ihm beim Erzählen deutlich an, wie er sich gefreut hatte hier so unerwartete Hilfsbereitschaft zu erhalten und so freundlich empfangen zu werden. Auch erzählte er über die Schwierigkeiten des weiteren Transportes mit 4 Pferden über die Pyrenäen und auch von den Problemen bei der WM in Jerez. Gegen alle Meinungen hatte er es aber doch geschafft dort hinzukommen und auch wenn es noch nicht DER Erfolg war, so hat er doch viel gelernt und will darauf aufbauen. Außerdem war ihm viel Aufmerksamkeit zuteil geworden, speziell seine Pferde wurden sehr beachtet und als sehr talentiert und mit viel Potential bezeichnet.

Auch für die Unterstützung die ihm von allen möglichen Seiten zu Teil wurde bedankte er sich herzlich, ob es von dem Hof in der Normandie war, wo seine Pferde unterkamen, von Philippe, der die Einreiseformalitäten in Frankreich regelte, von Nur Dolay die immer zur Stelle war, von dem Gestüt in Jerez, das Hilfe und Unterstützung bot, wie auch von Bärbel aus Jerez und der Firma Kavalkade die mit Material einsprangen. Jetzt sind die Pferde wieder in Frankreich und Ibraghim freut sich hier teilnehmen zu können und zu sehen, wie viele Leute sich hier für ihn und die Kabardiner Pferde interessieren. Gerade dies ist fast das erstaunlichste was ihm bisher hier passiert ist, hätte er doch kaum damit gerechnet, hier für Kabardiner interessierte Leute zu finden und dann auch noch derart viele.


Anschließend wurde alles für das Zeigen von Dias vorbereitet, wobei wieder Gelegenheit für Fragen an Ibraghim und allgemeinen Austausch war.

Ein Dia-Vortrag von Frau Eva-Maria Brandstädter über den Kaukasus und die dortigen Pferde stand als nächstes auf dem Programm, mit grandiosem Bildmaterial und vielen interessanten Informationen. Frau Brandstädter organisiert Reiter-Reisen in den Kaukasus. Wiederrum wurde es ganz still in der Reiterstube.

Die fantastische Landschaft und die wunderbaren Pferde wurden ergänzt von vielen Informationen über Land und Leute, wie man dort lebt und wie die Leute so sind. Für nahezu alle ist der Kaukasus ja eine unbekannte Region, so daß man nun endlich mal ein wenig was zu sehen bekam.

Dann war noch einmal Ibraghim an der Reihe: auch er zeigte Dias über seine Heimat, seine Pferde und den jährlichen Auftrieb vom Winterstall im Tal auf die Sommer-Weiden auf 3000 Metern Höhe. Wieder übersetzte Frau Rösch. Die Fotos stammen von Catherine aus Frankreich, die Ibraghim zu im Mai 2002 besucht hatte und wunderbare Fotos gemacht hat.

Die Wanderung der Herde, über 120 Kilometer, die zum Teil mit ganz jungen Fohlen von statten geht, dauert immer etwa drei Tage. In zwei Tagesetappen wird zunächst auf ca. 1800 Meter gegangen und Zwischenlager gehalten, bis der Schnee im weiteren Frühlingsverlauf die weiter oben gelegenen eigentlichen Sommerweiden freigibt. Erst dann wird auf die Weiden in 3000 Meter Höhe weitergewandert. Dort können sich die Pferde dann über den Sommer erholen und im Gebrigsklima das Höhentraining durchlaufen, das so starke genetische Spuren in der Rasse hinterlassen hat und verantwortlich ist für die vielen tollen Eigenschaften der Kabardiner Pferde.

Gebannt verfolgten die Anwesenden den Bericht Ibraghims über diese für uns strapaziös anmutenden Maßnahmen zur Versorgung der Tiere mit dem nötigen Futter. Star des Vortrages war das Fohlen "Nur", das die Reise im Alter von 2 Tagen begann und die Strapazen - für ein Fohlen ja noch mehr als für andere Pferde - gut überstand.

Die Uhr war bereits auf kurz nach Mitternacht vorangeschritten und jetzt begann der endgültige freie Austausch unter den Teilnehmern dieses Berliner Kabardiner-Treffs im Open-End-Stil. Es wurde rege davon Gebrauch gemacht...

Da ich am nächsten Tag den größten Teil der mind. sechs-stündigen Heimfahrt nach Rudenshofen bestreiten wollte, strichen Daniela und ich bald darauf die Segel, im Bewußtsein, einem extrem interessanten und informativen Pferde-Freunde-Treffen beigewohnt zu haben. Vielen standen die Strapazen der zum Teil aufwändigen Anreisen von Freitag oder Samstag jetzt deutlich ins Gesicht geschrieben. Tobias und Karin hatten ausserdem einiges an zusätzlicher Organisation zu bewältigen.

Nachher erfuhr ich von Karin, dass es wohl doch noch sehr spät geworden ist... (Anmerkung von Tobias: oh ja, es war so 3:30 Uhr nachts, als auch die letzten den Weg ins Bett fanden)

Auf den paar Metern zur Ferienwohnung hatte ich das Gefühl zu erfrieren. Es ist offenbar noch kälter geworden!

 

Sonntag, 13.10.2002

Schnee! Als ich aus dem Fenster gucke, sehe ich nur weiße Flächen. Ich denke zuerst, ich bin noch nicht ganz wach, aber auch nach einem Schwall kaltem Wasser ins Gesicht sind die weißen Flächen noch nicht weg – es ist tatsächlich alles zugeschneit. Auf dem Weg zur Reiterstube sehe ich unser gemeinsames Fahrzeug unter knapp 5 cm Puderzucker verhüllt.

Zu meiner Überraschung sind auch Tobias und Karin schon wieder bei Bewußtsein, und hier am Tisch merkt man gleich, dass heute Sonntag ist:

Wurst- und Käse-Aufschnitt, Marmelade/Konfitüre, Semmeln, so weit das Auge reicht, Kaffee, Tee – alles was das Herz begehrt, einfach herrlich.

Beim Frühstück findet sich für die Dagebliebenen (neben uns – Karin, Tobias, Daniela und mir auch noch Pavel aus Polen, Eva aus der Slowakei, Nur, Ibraghim und einige andere) eine erste Möglichkeit zur Retrospektive. Alle sind sich einig, dass das Treffen sehr gelungen war. Auf weitere Treffen in Berlin oder anderswo darf man gespannt sein.

Irgendwann wurde es dann auch für uns Zeit zum Aufbruch, letzte Abschiedsgespräche machten ein mehrmaliges Abkehren der Auto-Scheiben notwendig, denn es schneite erst mal munter weiter. Der Abschied war traurig und von vielen Umarmungen, Einladungen und Wiedersehenswünschen geprägt.

Die Rückfahrt verlief dann reibungslos, der Schnee hörte kurz nach dem Großraum Berlin auf. Da ich gerne Langstrecke fahre, bestritt ich den größten Teil unserer Heimkehr, so daß Tobias und Karin endlich in Ruhe etwas Schlaf nachholen konnten. (Anmerkung Tobias: Vielen Dank für den Schlaf auf der Heimfahrt, das war wirklich nötig, nach 2 Nächsten mit je nur 3 Stunden Nachtruhe.)

In Rudenshofen trennten sich unsere Wege dann wieder und wir kehrten mit vielen interessanten Eindrücken nach Donauwörth zurück.

Ein aufregendes Wochenende mit vielen Eindrücken, Ideen und Informationen ist zu Ende.