Die Gebirgskoenige und Distanzcracks aus dem Kaukasus!
Liebe Kabardinerfreunde,
für diejenigen, die sich nicht nur für die Pferde des Kaukasus interessieren, sondern auch für die Menschen und ihre Geschichte, habe ich einen Lesetip: den Roman „Hadschi Murat – eine Erzählung aus dem Land der Tschetschenen“ von Leo Tolstoi.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann das russische Zarenreich, zur Erweiterung des eigenen Machtbereiches systematisch die Völker des Kaukasus zu unterwerfen. Damals war es nicht unüblich, dass junge russische Adlige als Freiwillige in der Kaukasusarmee eine Art „Abenteuerurlaub“ verbrachten. So reiste im Jahre 1851 auch Tolstoi nach Tschetschenien, um seinen dort stationierten Bruder zu besuchen. Die Eindrücke aus dieser Zeit verarbeitete er rund 50 Jahre später in seiner Erzählung „Hadschi Murat“, die zu einem großen Teil auf historischen Ereignissen basiert.
Hadschi Murat, der Anführer des Bergvolkes der Awaren, liegt in Blutfehde mit dem Tschetschenen Imam Schamil, dem geistlichen Führer der Aufständischen gegen die Russen. Wiewohl beide das gleiche Ziel, die Befreiung von den Russen, verfolgen, nimmt Schamil die Familie Hadschi Murats als Geiseln, da er befürchtet, dass Hadschi Murat an seine Stelle treten könnte. Verfolgt von Schamil, gelingt es Hadschi Murat und seinen Getreuen nicht, die Angehörigen zu befreien. Als letzten Ausweg greift er zu einer List und begibt sich in die Hände der Russen in der Hoffnung, er könnte mit deren Hilfe die Geiseln zurückholen, Schamil besiegen, um später selbst den Kaukasus zu befreien. Doch diese Rechnung geht nicht auf...
Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht lesenswert (jedoch für zarte Gemüter nicht zu empfehlen, da recht blutrünstig). Es geht um die Denk- und Lebensweise der Kaukasier, die in krassem Gegensatz zu den Russen steht; die Schilderung verschiedenster Charaktere vom einfachen russischen Soldaten über die Offiziersgattin bis zum Oberhaupt der Tschetschenen macht die Erzählung so farbig. Das Werk ist eine Anklage gegen die russische Gewaltherrschaft. Die Russen, insbesondere der Zar als oberste Befehlsinstanz, kommen überhaupt nicht gut weg (weshalb das Buch in Teilen 1912 von der Zensur verboten wurde). Exemplarisch ist z.B. die Schilderung der willkürlichen Zerstörung eines tschetschenischen Dorfes. Der Leser mag selbst Parallelen zum derzeitigen Geschehen ziehen.
Ein besonderes Schmankerl für Pferdefreunde ist aber auch in der Erzählung zu finden: Mehrmals finden die Kabardiner literarische Erwähnung (noch dazu recht sachkundig). Auf seiner letzten Verfolgungsjagd reitet Hadschi Murat einen weißen Kabardiner, mit dem er dank des Gangwerks natürlich entkommt.
Das Buch ist mit einem ausführlichen Nachwort versehen, das viele Hinweise zum besseren Verständnis des Romans bereithält.
„Hadschi Murat“ ist als Taschenbuch im Insel Verlag erschienen und kostet € 7,50,-
viel Spaß beim Lesen wünscht wie immer
Irmgard
...und hier noch ein paar Gedanken von Johannes, der das Buch auch gleich gelesen hat:
Tolstoi beschreibt sehr einfühlsam die verschiedenen Sichtweisen, Handlungen und Gefühlswelten von Vertretern der gegnerischen Parteien, vom einfachen Soldaten, dem General, seiner Frau, bis zum Zaren, vom Mürit bis zum Imam. Besonders ergreifend wird das, wenn sich die Gegner „begegnen“, näher kennen lernen, den anderen verstehen und achten lernen.
Ich halte das Buch aus mehreren Gründen für absolut lesenswert:
In unserem Kabardiner erkenne ich den absoluten Willen zur Freiheit und auch die bedingungslose Treue wieder, die Tolstoi bei den Bergvölkern gesehen hat. Ebenso die Verschlagenheit eines Hadschi Murat und die Verwundbarkeit durch Schwächen. Ich vermute, die Pferderasse spiegelt das Volk der Züchter wieder, da man die Pferde zur Zucht wählt, in denen man sich selbst wieder erkennt.
Obwohl die Veröffentlichung schon 150 Jahre zurückliegt, ist – wenn man die aktuellen Nachrichten vor Augen hat – der Konflikt, die Verworrenheit, der Kampf um kulturelle Identität, Macht und wirtschaftliche Interessen im Brennpunkt zwischen Europa und Asien – zwischen Christentum und Islam noch genauso aktuell, genauso blutig und in den Argumenten unverändert.
Johannes Babion