Kabardiner und die Rettung der Lipizzaner – ein Bericht von Karin Stadtherr

Wie einige von Euch wissen, unternahmen Toby und ich vor einigen Wochen (Ende September 2001) eine kleine Reise durch Deutschland. Unter anderem besuchten wir dabei Herrn Dr. Rudolf Lessing, welcher maßgeblich an der Rettung der Lipizzaner gegen Ende des 2.Weltkrieges beteiligt war.

Dr. Lessing ist wohl den meisten Lipizzaner-Kennern ein Begriff. Aber nur wenige wissen, dass die Rettung der Lipizzaner vielleicht weniger erfolgreich verlaufen wäre – wären da nicht die Kabardiner und deren Reiter, die Kosaken, gewesen.

 

„Wir sahen, dass Deutschland kaputt war. Denn alles, wofür wir gekämpft hatten, lag jetzt am Boden. Da war keine Zukunft abzusehen...“. Dieses Zitat von Dr. Lessing beschreibt eindrucksvoll die Lage Deutschlands im April 1945.

Um so erstaunlicher ist, dass in all diesem Chaos eine Insel des Friedens existiert: Hostau. Hier kümmern sich Oberstleutnant H.Rudofsky (Leiter des Lipizzaner-Gestüts), Dr. Rudolf Lessing (Stabsveterinär) und ihre Mitarbeiter liebevoll um die Erhaltung der ihr anvertrauten Rassen (u.a. Lipizzaner und Vollblüter).

 

Insgesamt waren an die 500 Pferde ihrer Obhut unterstellt. Die Futterbeschaffung für all die Pferde war in dieser Zeit der Not ein ständiges Problem.  Zu allem Übel fanden sich aber im März 1945 nochmals etwa 170 Pferde in Hostau ein. Hierbei handelte es sich um russische Pferde, darunter auch 60 Kabardiner und Anglo-Kabardiner. Auf der Flucht vor der Roten Armee waren diese Pferde samt Reitern (Kosaken) unter der Leitung von Fürst Amassow aus Polen gekommen.

Obgleich nun noch mehr Münder zu stopfen waren, verbindet Dr. Lessing nur angenehme Erinnerungen an die Truppe von Fürst Amassov. „Ein feiner Herr ist dieser Amassow gewesen, und die Kosaken machten sich nützlich, wo es ging“, so Lessing. Was Lessing zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass die Kosaken nur wenig später eine bedeutende Hilfe darstellen sollten...

 

Die Situation für Deutschland wurde zunehmend brisanter, und endlich wurde man auch in Hostau unruhig, da es exakt zwischen der zusammenrückenden russischen und amerikanischen Front lag. Der Befehl an Hostau lautete, mit den Pferden an Ort und Stelle zu bleiben und das Gestüt bis auf das Äußerste zu verteidigen. Angesichts der hoffnungslosen Lage wirkte dieser Befehl aber mehr als fragwürdig.

 

Ende April war es dann so weit: die amerikanische Front gelangte unweit von Hostau an. Hostau selbst lag auf ehemals tschechischem Gebiet und war daher nach dem Abkommen von Jalta den Russen vorbehalten. Doch den Russen wollte keiner die kostbaren Pferde überlassen – weder die Deutschen noch die Amerikaner.

Und so suchte man gemeinsam nach einem Ausweg. Daß diese heimlichen Kapitulationsverhandlungen mit dem Feind Amerika höchst riskant waren, erklärt sich von selbst. Die grösste Gefahr drohte von unbelehrbaren Hitler-Anhängern, die selbst jetzt noch nicht an Kapitulation dachten. Kooperation mit dem Feind galt auch zu diesem Zeitpunkt noch als Hochverrat und wurde nicht selten mit der Todesstrafe geahndet.

 

Hostau fiel nicht in den Zuständigkeitsbereich der Amerikaner, und so beschloß man kurzerhand, die Pferde nach Bayern zu übersiedeln, welches bereits von den Amerikanern eingenommen war.

Da der Transport einer derart grossen Pferdeherde mit LKWs viel zu lange gedauert hätte, musste der Großteil der Pferde die 40 km lange Strecke nach Kötzting/Furth getrieben werden.

 

Hierzu wurden die Pferde in Gruppen von bis zu 80 Pferden eingeteilt, und jede Gruppe sollte von 5-6 Reitern flankiert werden.

Nun ergab sich aber ein grosses Problem: fast das ganze Personal Hostaus hatte die Gunst der Stunde genutzt und war quasi über Nacht Richtung Heimat verschwunden. Jetzt stellte sich die Anwesenheit der russischen Pferde als grosser Glücksfall heraus.

Rudofsky: “... in der Not der Stunde bat ich Fürst Amassow, unter seinen Kabardiner- und Don-Stuten so viele verlässliche Reit- und Zugpferde auszusuchen, wie zur Begleitung des Transportes nötig waren.“ Die Kosaken kamen dieser Bitte gerne nach, auf diese Weise konnten auch sie sich in den Westen absetzen.

 

Am 15.Mai um 5 Uhr morgens setzte sich der Treck in Bewegung. Auf den Begleitfahrzeugen nahm man noch so viele Flüchtlinge auf, wie es nur ging. Deklamiert als Gestütspersonal war es ihre letzte Gelegenheit Tschechien zu verlassen, bevor die Russen eintrafen.

Bis zur tschechischen Grenze verlief alles planmäßig – nicht ein einziges Pferd konnte sich von der Gruppe lösen. Doch an der Grenze verwehrten tschechische Partisanen unter Waffengewalt den Durchmarsch und wollten den Treck zur Umkehr zwingen.

Durch die Verzögerung rückten die einzelnen Gruppen zu dicht auf und die jungen, ungestümen Hengste veranstalteten ein kleines Durcheinander. Es konnte nicht verhindert werden, dass einige Pferde die Flucht ergriffen. Sollte nicht auch noch die restliche Herde dem Chaos verfallen, musste schnell etwas passieren. Daher ließ ein amerikanischer Oberleutnant kurzerhand einen Panzerspähwagen vorfahren und die Kanone auf das Zollhaus richten. Urplötzlich gingen die Schranken nun auf und die Pferde konnten endlich die Grenze passieren.

In Bayern angelangt wurden die 500 Pferde auf diverse Ortschaften und Höfe verteilt. Im Laufe der Zeit fanden sich fast alle Lipizzaner wieder in ihrer alten Heimat ein, die Amerikaner behielten größzügigerweise nur wenige Exemplare. Die Spur der Kabardiner verliert sich hier leider. Laut Lessing verblieben die Kabardiner in Hessen, wo sie als Serumpferde dienten und ein angenehmes Leben führten.

 

Abschließend möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich für die freundliche Aufnahme bei Herrn Dr. Lessing bedanken. Die Begegnung mit einer historisch so bedeutenden Person war mir nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch eine persönliche Bereicherung.