Die Gebirgskoenige und Distanzcracks aus dem Kaukasus!
Lange war es gerüchteweise angekündigt, endlich fand es statt, das informelle Kabardinertreffen bei Tobias. Ibraghim Yagan und seine Mannschaft ist nach den Weltreiterspielen in Jerez und der Teilnahme an Distanzrennen in Frankreich wieder auf dem Weg nach Hause in den Kaukasus. An diesem Wochenende machte er Station bei Tobias und das war der Anlass für ein lockeres Zusammentreffen von einigen Kabardinerfreunden aus der Region, Ibraghim und seinem jungen Helfer, dessen Namen ich leider nicht weiß (Anm. Tobias: Alim), der Filememacherin Catherine aus Frankreich und Steven, der mit Pavel und seinem polnischen Kabardinergestüt zusammenarbeitet.
Nachmittags fand sich die Fangemeinde zunächst bei Herrn Seitle ein, um fachkundig einige Kabardiner zu begutachten, die noch zu verkaufen sind. Als unvoreingenommene Zuschauerin (habe gerade einen Kabardiner erworben, für einen weiteren langts nicht) kann ich sagen, dass es durchweg sehr hochwertige Pferde sind, die jeweils verschiedenen Anforderungen gerecht werden können (Distanz, Dressur...). Es gibt noch eine Stute, die männlichen Pferde sind bis auf einen hier gelegt worden und können nach der vorgegebenen Boxenruhe wieder ausprobiert werden. Einige wurden vorgeführt bzw. vorgeritten, wobei auch Ibraghims Begleiter seine Reitkünste eindrucksvoll demonstrierte. Der kaukasische Reitstil ist für unsere Augen unkonventionell, aber wirksam und durchaus pferdefreundlich. Nicht jeder kommt mit einem quasi rohen dreijährigen, gerade gelegten und nach langem Stillstehen doch sehr bewegungsfreudigen Wallach so gut zurecht, dass dieser binnen kürzester Zeit ruhig durch die Bahn schreitet.
Abends fand sich die Gruppe dann nach und nach bei Tobias in Rudenshofen ein, wo wir einen gemütlichen und äußerst interessanten Abend verbrachten. Da von uns fast niemand der russischen geschweige denn tscherkessischen Sprache mächtig ist, leistete uns Herr Admiral Dasdemir aus München als meisterlicher Dolmetscher unverzichtbare Dienste. Was Ibraghim erzählt hat, möchte ich wie folgt zusammenfassen:
Ibraghim ist in der Nähe von Naltschik ansässig (in der teilautonomen Republik Kabardino-Balkarien, einem Teil der russischen Föderation). Er lebt und arbeitet mit aller erdenklichen Energie für seine Vision: Den Erhalt der reinrassigen Kabardiner (Anm. Tobias reinrassig bedeutet mit einem geringen Vollblutanteil unter 25%), den Aufbau einer Zucht höchster Qualität und letztlich die Einführung des Kabardiners als Weltklasse–Distanzpferd in Konkurrenz zu den Arabern. All das ist nicht gerade einfach.
Die Kabardiner-Zuchtsituation im Kaukasus ist momentan recht schwierig. Durch stark gesunkene Nachfrage (z.B. nach Militärpferden), gepaart mit allgemein chaotischen Verhältnissen politischer Natur sind fast alle Kolchosen mit groß angelegter Zucht verschwunden, es gibt fast nur noch kleine Betriebe mit maximal 20-40 Pferden. Oft haben die Gestüte existenzielle Probleme und müssen Pferde als Schlachtvieh verkaufen, um ihre Schulden bezahlen zu können. Stutbücher sind sehr häufig vernichtet, zum Teil deshalb, weil mit gestohlenen Hengsten gezüchtet wird, deren Herkunft natürlich verschleiert werden soll. Die russischen Käufer legen freilich im Gegensatz z.B. zu deutschen keinen Wert auf echte Papiere, sie gehen nach Charakter und Aussehen der Pferde.
Ein weiteres Problem ist die sinkende Qualität der Pferde durch nicht vorhandene Zuchtziele, wovon besonders die Anglo-Kabardiner betroffen sind, es treten gehäuft charakterliche Mängel, weniger Ausdauer und Geländetauglichkeit sowie Hufprobleme auf (was natürlich nicht verallgemeinert werden kann, die Betonung liegt auf "vermehrt"). Auf dem russischen Markt sind derzeit ohnehin eher Trakehner oder Vollblüter gefragt. Reinrassige Kabardiner haben den Ruf als Bauern- und Hirtenpferde. Es gibt in der Region nur noch zwei größere Zuchtbetriebe, die über eine ordentliche Zucht verfügen, einer davon ist Ibraghims Gestüt mit aktuell ca. 200 Pferden.
Ibraghim betont, daß Pferdezucht derzeit kaum einen finanziellen Anreiz bietet. Heute werden (auch gute) Kabardiner für ca. 500 –600 Euro verkauft, was in keinem Verhältnis zum Aufwand steht (Ibraghim berichtete später über die Arbeit auf der Sommerweide in den Bergen: Es gibt zunehmend Probleme mit Wölfen, die sich über die immer seltener werdenden Pferdeherden hermachen und mit arbeitslos gewordenen Arbeitern aus den Zuchtbetrieben, die sich mit Pferdediebstählen über Wasser halten). Wäre der Marktpreis höher, z.B. durch verstärkte Nachfrage nach Spitzenpferden für den Sport, hätten die Züchter eine solide wirtschaftliche Basis, was der ganzen Region sehr gut bekommen würde, und hätten auch einen Anreiz, mehr auf Qualität zu achten.
Anm. Tobias: Ibraghim wies noch darauf hin, dass die Preise von ca. 500$ auch nur Kolchosen bieten können, bei denen die Pferde mit Kolchosengeld großgezogen werden, der Kaufpreis aber häufig in andere Kanäle wandert, so dass die Verkäufer auch an diesen Beträgen interessiert sind.
Der Preis von 4000-6000 Euro, der hier für Kabardiner erzielt wird, ist allein durch die besonderen Schwierigkeiten bei der mühsamen Auswahl durch den Importeur, der Beschaffung von Papieren und dem fachgerechten Transport bedingt, d.h. die Pferde sind seiner Ansicht nach derzeit eigentlich noch zu günstig. (Anm. Tobias: auch die Quarantäne in Deutschland sowie mögliche Schmiergelder und Zwischenhändler darf man auch nicht vergessen.)
Ibraghims Gestüt ist selbst in seiner Existenz bedroht. Seit langer Zeit versucht er, die Ländereien des Betriebes legal als sein Eigentum bei den lokalen Behörden registrieren zu lassen, wobei ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Wird ihm das Land weggenommen, dann kann er seine Pferde außerhalb der Weidesaison im Gebirge nicht mehr füttern und sie verhungern schlicht und einfach. (Anm. Tobias: aktuell habe ich noch erfahren, daß sein Land wohl jetzt wirklich beschlagnahmt und umgeackert wurde. Er muß jetzt vor dem obersten Gerichtshof in Moskau versuchen sein Recht zu erlangen - das möglichst bald, da sonst die Pferde nicht ins Tal können und in großer Gefahr sind. Mit viel Geld könnte er die nötigen Leute schon "überzeugen", aber das hat er leider nicht ... ich hoffe das geht gut aus.)
Und trotz dieser Schwierigkeiten hat er das schier Unmögliche in Angriff genommen, besorgte Visa (natürlich auch nicht gerade ein Kinderspiel) für seine Mannschaft, nahm acht seiner besten Pferde und zog im September aus, um der Welt zu zeigen, welches Potential in der außerhalb Russlands weitgehend unbekannten Rasse der Kabardiner steckt.
Zunächst ging es nach Jerez zu dem Distanzwettbewerb der Weltreiterspiele, wo seine Pferde als Mannschaft für Russland an den Start gehen sollte. Von offizieller Seite erhielt er, wie sonst durchaus üblich, keinerlei Unterstützung. Private Sponsoren, überwiegend aus Deutschland, der Türkei oder Frankreich, sprangen in die Bresche und halfen mit Ausrüstung und Geldmitteln. Drei Pferde gingen an den Start, Hengst Karo lief ins Ziel auf Platz 35 ein, gab auf dem letzten Teilstücknochmal richtig Gas und übertraf im letzten Streckenabschnitt sogar das Siegerpferd von Sheikh Maktoum mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 19km/h (ein ausführlicher Bericht befindet an anderer Stelle auf dieser Homepage; ganz, ganz klein schreiben wir noch dazu, daß Karo leider nachträglich disqualifiziert wurde, weil der 2.Abschlußcheck aus Unwissen versäumt wurde). Als Beweis hat er auch von den Veranstaltern ein Dokument, das diese Leistung und das ungeschickte Ausscheiden belegen.
Um diese großartige Leistung zu verdeutlichen: Die Mannschaft hatte bisher nur Erfahrung bei russischen Distanzmeisterschaften gemacht, nie bei internationalen, wo es andere Gepflogenheiten und Reglements gibt. Die Pferde selbst waren nach Ibraghims Aussage und den neuen Erfahrungen noch zu untrainiert, hätten einen besseren Ernährungszustand vertragen und waren nicht genug erholt von der Fahrt (sieben Tage Fahrt im Hänger ohne längere Erholungsphasen). Das untermauert aber eingentlich noch die Leistung.
Die nächste Station waren Meisterschaften (CEI***) in Frankreich, wo sich die Pferde ebenfalls tapfer schlugen. Ein Kabardiner erregte z.B. Aufsehen, als er am Ende des Rennens innerhalb von drei Minuten den Ruhepuls erreichte.
Mit einfachster Ausrüstung und Pferden, die nicht im Topzustand waren, dafür mit umso mehr Motivation schaffte es Ibraghims Mannschaft, gute Ergebnisse zu erzielen und gleichzeitig auch die Presse für die Kabardiner zu interessieren.
Ibraghim wird nun wohl einige Pferde zu Trainingszwecken in Polen bei Pavel Kravztschik lassen, also „näher am Geschehen“ in Westeuropa, um sie öfter bei Distanzmeisterschaften einzusetzen und sich so an die Spitze vorzuarbeiten. Daß dies sehr gut möglich ist, glaube ich gerne.
Ibraghim ließ außerdem zwei seiner Pferde bei Tobias zurück, der sie nun an Distanzreiter weiterverkauft, die diese Pferde weiter fördern wollen, was auch ein wenig Kapital für Ibraghim bringen soll. Ich habe sie gesehen, als sie abends aus dem Auslauf in den Stall geführt wurden. Es war dunkel, die Pferde sahen eher unscheinbar aus, haben aber schon im Schritt eine derartige Energie ausgestrahlt, wie ich sie noch nirgendwo erlebt habe. Da ist gewaltiges Potential drin!
Die Gespräche an diesem Abend zeigten auch, wie sehr Ibraghim mit dem Herzen bei der Sache ist. Sein Vorhaben, die Kabardinerzucht im Kaukasus zu erhalten und die Rasse weithin bekannt zu machen ist nicht der Spleen eines Aussteigers, der sonst nichts besseres zu tun hat. Es ist der Versuch, in der heutigen Zeit die eigene kulturelle Identität und die jahrhundertealten Ideen eines Reitervolkes zu bewahren. Die Menschen waren untrennbar mit ihren Pferden verbunden, ihre alten Sagen rühmen die Pferde mit den selben Prädikaten wie die menschlichen Helden.
In unseren Breiten haben Russen ja eher den Ruf als Pferdeschinder. Davon merkte man hier nichts. Ibraghim und seine Leute gehen sicher mit anderen Methoden als wir sie kennen ans Werk, aber mit einer gehörigen Portion Respekt, Einfühlungsvermögen und Liebe zur Kreatur. Er sagt, ein Pferd müsse nicht nur äußerlich schön sein, d.h. gepflegt und gut trainiert, sondern auch innerlich. Dann sei es leistungsbereit. Der Mensch könne seinen Beitrag dazu leisten, wenn er es gut behandele und ihm angemessenes Futter zur Verfügung stelle. Dieser Gedanke erscheint uns hier wiederum fremd, da wir Futter im Überfluß bieten können und eher darüber nachdenken, wie unsere dickbäuchigen Lieblinge wieder zu ihrer ursprünglichen Erscheinungsform gelangen können. Und dennoch sollten wir uns diesen Ausspruch hinter die Ohren schreiben, denke ich. Wie es um das Innere mancher Pferde hierzulande bestellt ist, möchte ich lieber nicht genau wissen.
Ibraghim meinte dazu noch, unsere Pferde hier seien meist verzogen und verzärtelt.
Und wenn wir schon bei kulturellen Unterschieden sind: Auf die Frage, was ihm angesichts seiner jetzigen Reiseerlebnisse spontan als Unterschied zu seiner Heimat einfalle, antwortete er: Mal ganz abgesehen von den Unterschieden in den politischen Verhältnissen sei ihm besonders der Umgang der Menschen aufgefallen. Die Menschen hier seien distanzierter und kühler. Bei ihm zuhause sind die Bindungen enger, es gibt ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn es einem Freund schlecht geht und er Unterstützung benötigt, dann ist es selbstverständlich, daß man seine Arbeit unterbricht und ihm hilft.
Den Höhepunkt des Abends bildete die Vorführung eines Dokumentar-Videos über Ibraghims Arbeit, das Catherine produziert hat. Es ist wunderschön gemacht und begleitet den Auftrieb der Pferdeherde auf die Sommerweide ins Gebirge. Als Filmstar wurde einhellig ein kleines Fohlen gekürt, das erst wenige Stunden alt den zweitägigen Marsch tapfer mitgeht – mehr wird nicht verraten! Darüberhinaus gab es einen kurzen Film über die Kabardiner während eines Distanzrittes in Negrepeliss/Frankreich sowie einen Ausschnitt über das Treffen Ibraghims mit Herrn Willenbrink in den Pyrenäen.
Ibraghim bedankte sich herzlich bei Tobias und allen anderen für die materielle wie besonders auch ideelle Unterstützung, die ihm beide sehr weiterhelfen. Er wird von hier einige nützliche Dinge wie z.B einen ausrangierten Pferdehänger oder verschiedene Ausrüstungsgegenstände mit auf seinen Heimweg nehmen.
Außerdem wurde noch ein Projekt angesprochen, das im nächsten Jahr realisiert werden soll. Ibraghim plant einen Ritt von Naltschik in die Normandie. Wir sind schon sehr gespannt! Sponsoren und Mit(st)reiter sind gefragt!
Der Abend neigte sich dem Ende zu und wir mußten wieder die Heimreise antreten. Wir empfanden das Treffen in vieler Hinsicht als äußerst bereichernd. Noch stundenlang hätten wir mit den vielen netten Kabardinerfreunden ratschen können.
Irmgard Babion
Anm.
Tobias:
Nachher ging der Abend auch noch einige Stunden fröhlich weiter und auch der
nächste Tag war noch recht spannend, dazu aber noch mehr in einem späteren
kleinen Beitrag ...