Nachdem ich vor Kurzem Dr. Willenbrink vorgestellt habe, möchte ich hier nun ein wenig mehr berichten, da einige Nachfragen gekommen sind, wer das denn ist und warum soviele ihn von früher kennen. Deshalb im Folgenden Ein Text aus der Freizeit im Sattel (von ca. 1986):
Weitab von aller "Zivilisation", versteckt in einem kleinen Hochtal
in den Bas-Pyrénées, ganz im Süden Frankreichs, das ist der Reiterhof meines
langjährigen Freundes Willenbrink. Zum erstenmal trafen wir uns vor 35 Jahren
in einem anderen Süden - im Süden der Republik Tschad, dicht am Äquator. Ich
suchte die Pferde Afrikas und hatte herausgefunden, daß sie - je näher sie auf
der nördlichsten Hälfte zum Äquator hin lebten, um so kleiner wurden
(südlich des Äquators gibt es erst in Südafrike wieder einheimische Pferde).
In der Entwicklungsstation, der der deutsche Veterinär Dr. W. vorstand, fand
ich die kleinsten Afrikaner: Ponys von knapp 120 cm Widerristhöhe, geritten zum
Teil von martialisch-riesigen Schwarzen. Und ich fand eine Gastgeberfamilie, die
sich dem Leben in der extremen Wüste völlig angepaßt hatte: Wasser gab es nur
auf dem Kühlschrank, nicht etwa darin. "Laues Wasser löscht den Durst und
macht keine Magenbeschwerden", hörte ich, bis dato "verwöhnt"
mit Eisgetränken aus der Hotelbar.
Ich habe es mir für alle künftigen Reisen gemerkt.
"Für einen Wanderritt durch Südfrankreich braucht man außer guten Pferden und der Beherrschung der Landessprache nur ein stabiles Taschenmesser - dann kommt man überall durch", hörte ich Dr.W. vor 6 Jahren auf der Eurocheval in Offenburg zu mir sagen, als er begeistert von den Schönheiten, der Einsamkeit und Freiheit der Pyrenäen erzählte.
Und nun also wollte ich wissen, wie er es denn - seßhaft geworden in seiner Wahlheimat - dort mit Komfort und Wanderritt hielt.
Nun der Komfort ist beschränkt auf 2 bequeme Gastzimmer mit 4 Betten ("mehr als maximal 5 Gäste möchte ich nicht haben, dann wird es zu unpersönlich" ist die Meinung des "Frugalikers"), dreimal täglich handfestes Essen aus den Zutaten der weltabgeschiedenen Gegend, soviel (Bio)wein wie man möchte. Und es gibt ein romantisches, aus eiskaltem Gebirgswasser gespeistes Schwimmbad, eine ebenso romantische Terrasse zwischen hohen Baumwipfeln zum Trinken, Träumen, Diskutieren. Letzteres natürlich über Pferde und Reiten. Wieder hat der eigenwillige, knorrige Welterfahrene überraschende Ansichten "Am besten gefallen mir die russischen Pferde (er hat ca. 10 Kabardiner, 1 Hengst, Stuten und Nachwuchs); sie sind stark, leistungsbereit, ans Gebirge angepaßt, mit eisernem Nervenkostüm versehen", sagt er, "und jeder Anfänger kann sie gefahrlos reiten (ohne Kopf- und Mundstück, nur mit Weidehalfter).
In einem Reisebericht aus Rußland las ich kürzlich: "Das Gestüt Karadjai am Fuß des Kaukasus, der bis zu 5500m ansteigt, verfügt über riesige Weideflächen. Hier wachsen die zähen Kabardiner auf, die außergewöhnlich trittsicher, mutig und gleichzeitig sehr vorsichtig sind. Sie kraxeln wie Gemsen in den Felsen umher und wagen sich an die vordersten Ränder von Abgründen."
Nun das alles können sie hier täglich unter Beweis stellen: Sie leben auf ebenfalls riesigen Hochflächen von mehreren 100ha Umfang und donnern Steilhänge zum Futter am Haus hinauf und hinunter, als wären es keine steil-steinernen, dornenbegrenzten Felstreppen, sondern ebene Wege. Ungerufen kommen sie nur, wenn sie Hunger haben (auf Korn, denn anderes finden sie selbst genug) oder wenn ein großer Gong sie ruft.
Nach einer Nacht voller Erzählungen von "damals" und "heute" machten wir anderntag einen langen Ritt. Mein Pferd war eher knochig, ziemlich groß und lang. Es kloberte so über die Steine dahin ohne jede Grazie, und am Stallhalftersind reiterliche Einflüsse kaum durchführbar. Um uns eine überwältigende Landschaft voller Dornengestrüpp unter endlosem Himmel, heißer Sonne. Grenzen waren nicht erkennbar - Wege aber auch kaum. Wir kletterten querbeet bergan, und was zunächst wie Gestolpere anmutete, wurde zu kraftvollem Vorwärtsstreben harter Beine. Am Kamm entlang trabten wir, galoppierten wieder einen Berghang dort hoch, wo so etwas wie eine Spur erkennbar war, gingen weiter im langen, gleichmütigen Schritt. Nach zwei Stunden hatte ich mich so total eingefühlt, daß ich spontan gerne endlos weitergeritten wäre. Lange Schrittphasen - mir sonst auf Ausritten ein Greuel - tragen hier nur dazu bei, daß man enger mit der Umgebung verschmiltzt, sich mit ihrer grellen Harschheit anpaßt, viel mehr Einzelheiten sieht - Einzelheiten uriger Wildnis von Flora und Fauna, das Auge lange schweifen lassen kann über steil-steinige Nähe und die endlos verschwimmende Weite von Gebirgen, die man am liebsten alle erreiten möchte.
Manchmal soll man das auch können: wenn eine Gruppe eigens zum Wanderreiten kommt oder nach kurzem Aufenthalt beschließt, für ein paar Tage aufzubrechen ins Abenteuer. Sicher nicht mehr "nur mit einem Taschenmesser" ausgestatte, aber doch dichter am Land - seinem Essen und Trinken, seinen kleinen (manchmal verfallenen Dörfern und der Einsamkeit des Gebirges als anderswo.
Urlaub für jene Pferdefreunde, die ohne "Alternativ-Angebot" Pferde putzen, satteln, reiten möchten, die an sonnigen Nachmittagen im Schatten der Bäume träumen, den kleinen silbergrauen Kühen zwischen silbergrauen Felsblöcken zusehen, ganz abschalten, lesen und tief durchatmen möchten ... Totale Anfänger sind übrigens ebenso willkommen, wie geförderte Reiter!
Anmerkung: So, das wars auch schon, wer jetzt Lust bekommen hat, Dr. Willenbrink in seinem nächsten Urlaub aufzusuchen, den muß ich enttäuschen, denn leider hat er den Besucherstrom und -verkehr mittlerweile stark reduziert und eigentlich kommen jetzt mehr die guten Bekannten und Fruende, die auch in den vergangenen Jahren seine Gäste waren. Wenn doch mal wieder was frei ist, erfahrt ihr es sofort ...