Transport eines Achal Tekkiner Hengstes von Tschagorta/Kalmückische Republik in der Föderation Russland nach Deutschland.

Kurzbericht und Zusammenfassung der Erfahrungen.

Vorwort von Tobias Knoll (kabardiner.de)

Dieser Bericht handelt zwar nicht von einem Kabardiner, ist aber für viele Kabardinerfreunde die selbst mit dem Gedanken spielen ein Pferd aus Russland selbst zu importieren, sicherlich sehr interessant und bei eventuellen Planungen auch hilfreich. Herr Böker war so freundlich mir deshalb den folgenden Bericht zu schreiben, wofür ich ihm vielmals danken möchte. Herrn Böker auch noch herzlichen Glückwunsch zu dem am Schluss erfolgreichen Import und viel Freude an seinem Kaskad.

Ausgangslage

Im September 2003 habe ich den Achal Tekkiner Hengst „Kaskad“ auf der Rennbahn in Pjatigorsk gekauft.
„Kaskad“ wurde im Gestüt „Achal“ in Tschagorta gezogen. Der Gestütsleiter hatte mit einer russischen Spedition einen Vertrag demzufolge Pferde für 10% des Kaufpreises dem Käufer bis vor die Haustür geliefert werden. Üblich war eine Anzahlung von 25%, die Restsumme wird bei Übergabe des Pferdes gezahlt. Das waren Bedingungen, die mir angemessen und fair erschienen. Die Lieferzeit sollte sechs bis acht Wochen dauern. Auch das war zu akzeptieren.

Nach Ablauf dieser Frist erhielt ich Nachricht aus Tschagorta, dass die Spedition nun plötzlich und ohne Vorwarnung 70% des Kaufpreises für die Lieferung haben wollte. Eine Bedingung die ich nicht akzeptieren konnte und wollte. In Tschagorta war man nicht in der Lage an dieser überraschenden und für alle sehr negativen Situation etwas zu ändern.

Organisation des Transports

Nach wochenlangen Recherchen stellte sich heraus, dass es keine Möglichkeit gab das Pferd nach Deutschland zu transportieren. Alle mir bekannten (Umfrage bei Kennern, Internet) Fachspeditionen in Deutschland, Holland und Belgien sagten ab. Auch ein Lufttransport konnte nicht realisiert werden. Als letzte und einzige Alternative blieb also nur übrig, das Pferd selbst abzuholen. Diese Entscheidung ist nicht leicht gefallen, da abgesehen von den riesigen Strecken die zu fahren waren, auch mit zahlreichen Problemen bezüglich des gesamten Aufwands für Einfuhr- und Ausfuhrgenehmigungen zu rechen war.

Reiseroute

Immer auf der E 30 Richtung Osten über:
Hannover, Berlin, Frankfurt / Oder, Grenze nach Polen, Rzepin, Warschau, Terespol, Grenze nach Belaruss (Koroszcyn), Minsk, Moskau,
dann Richtung Süden über:
Tula, Kursk, Voronez, Rostov-na-Donu, Volgodonsk, ab hier über „Schleichwege“ nach Elista.
Alle Straßen waren außerhalb von Ortschaften gut zu befahren. Innerhalb von Ortschaften war es oft katostrophal.

Suche nach Informationen

Vom Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Abteilung Tierseuchenbekämpfung, konnte ich die Vorlagen für erforderliche Gesundheitszeugnisse in deutsch und englisch bekommen. Vom Ministerium für Finanzen die über alle Zollformalitäten. Es geplant, den Transport terminlich zu legen, dass die Einfuhr nach dem 1.Mai 2004 stattfinden sollte. Polen war dann EU Mitglied und somit konnte eine Grenzkontrolle entfallen. Die Botschaft der Republik Polen teilte mir mit, dass alle erforderlichen Einfuhrdokumente in englischer Sprache vorliegen müssten.

Kontakte mit dem Verkäufer

Alle Vorlagen für Dokumente und alle Einfuhrbestimmungen wurden dem Verkäufer bereits im Januar 2004 zugeschickt. Eine rechtzeitige Bearbeitung der zahlreichen erforderlichen Dokumente wurde zugesagt.
Von der EU war vorgeschrieben, dass alle Laboruntersuchen nur von einem von der EU anerkannten Labor in Moskau durchzuführen seien. Der Verkäufer musste mit Blutproben also nach Moskau fahren.

Visum

Für die Reise waren ein Transitvisum für Belaruss und ein Touristenvisum für die Föderation Russland erforderlich. Beides habe ich über ein russisches Reisebüro besorgt. Eine besondere Eintragung des Zugfahrzeuges und des Anhängers wurden nicht gefordert. Notwendig war ein internationaler Führerschein.

Reiseverlauf

Start war am 24. 4. 2004. Es war geplant zu zweit tagsüber durch Polen zu fahren, da uns diese Strecke unbekannt war. In der belarussischen Stadt Brest wollten wir uns mit der Dolmetscherin Olga und dem kalmückischen Reisebegleiter Baatr, der auch alle organisatorischen Erfordernisse in Russland übernommen hatte, treffen.

Bis zur Grenze Polen / Belaruss problemlose und zügige Fahrt. Vor den Kontrollen bei der Ausreise aus Polen nach Belaruss sehr lange Warteschlange. Für 100,-- $ wurden Plätze weiter vorn in der Warteschlange angeboten. Wegen großer Verständigungsproblemen und Unsicherheit haben wir die Angebote nicht angenommen. Schließlich haben wir uns in einer Warteschlange angestellt. Nach einer Nacht des Wartens, ca. 11 Stunden, wurde uns von den polnischen Grenzbeamten mitgeteilt, dass wir in der Warteschlange für Fahrzeuge gestanden haben, die zum Import nach Belaruss gedacht waren. Wir waren also falsch, was zusätzliche und zeitraubende Kontrollen zur Folge hatte. Es gab allerdings keine Hinweise, dass wir etwas falsch gemacht hatten
.
Relativ problemlose Kontrolle der Grenzbeamten von Belaruss. Notwendig war der Abschluß einer Verkehrsversicherung. Unsere ausdrückliche Frage ( nun auch sprachlich korrekt durch Olga vermittelt), ob noch weitere Gebühren wofür auch immer notwendig sein, wurde verneint.
Das Treffen mit der Dolmetscherin Olga und dem „Organisator“ Baatr hatte problemlos geklappt. Gemeinsam setzten wir die Fahrt Richtung Moskau fort.

Am Grenzübergang Belaruss / Russland wieder lange Wartezeiten. Bei der Kontrolle der Papiere durch belarussische Beamte fehlte nach deren Angaben eine Krankenversicherung, die für Ausländer obligatorisch ist. Das hatte man uns bei der Einreise nicht gesagt. Eine Strafe von 100,-- Euro war fällig sowie der Abschluß von Versicherungen für PKW und Hänger für Russland. Das wollte der belarussische Beamte gleich mit erledigen. Wartezeit ca. eine Stunde. Dann waren plötzlich noch Kopien aller anderen Papiere erforderlich. Diese konnten gegen eine Gebühr von 100,-- Rubel in einem darauf spezialisierten Laden gemacht werden. Danach wieder anstellen in der Warteschlange. Nach ca. fünf Stunden konnten wir endlich weiterfahren.

Bis Moskau keine Probleme. Übernachtung im Hotel. Auf der Fahrt dahin Kontrolle durch die Polizei.
Da Baatr gerade fuhr wurde auch sein Führerschein kontrolliert. Ihm fehlte die Erlaubnis mit einem Hänger zu fahren. Wieder eine Strafe von 100,-- Euro und wieder natürlich ohne Quittung.

Am nächsten Tag mit Olga zur deutschen Botschaft um ihr Visum für die EU abzuholen. Mit meiner Begleitung als Einladender keine Probleme.

Weiterfahrt Richtung Kalmückien. Ca. 200 Km hinter Moskau abends schweres Schneegestöber. Konnten nur sehr langsam fahren. Straßen aber recht ordentlich. Die Fahrt nach Kalmückien verlief ohne weitere Probleme und trotz zahlreicher Polizeikontrolle auch ohne Strafen.
Fahrtzeit für etwa 1.000 Km rund 24 Stunden.

In Kalmückien war es schon sehr warm und der Flieder blühte. Wir wollten zwei Tage bleiben und dann die lange Rückfahrt mit „Kaskad“ beginnen. Leider dauerte es dann doch länger, weil Baatr die erforderlichen Aus- und Einfuhrdokumente nicht ordentlich und rechtzeitig vorbereitet hatte. Es begann eine hektische Organisation an deren Ende endlich alle notwendigen Papiere vorlagen.
Leider hatte Baatr die Ruhepausen für die Rückfahrt nicht organisiert. Was nach vorheriger Absprache eigentlich erledigt sein sollte.
Am 30. 4. 04 konnten wir endlich starten. Die erste Übernachtung war im Pferdezentrum Rjasan, südlich von Moskau, vorgesehen (ca. 1.200 Km). Nach etwa 24stündiger Fahrzeit kamen wir dort an. Leider wusste niemand etwas über uns. Es war unklar wer hier Fehler gemacht hatte (Zitat: „das normale russische Chaos“). Nach mehreren Stunden konnte dann doch eine Box für Kaskad organisiert werden.

Weiterfahrt am 2. 5. 04 Richtung Moskau, Belaruss.
Keine Probleme an der Grenze Russland / Belaruss, wenn man von den üblichen Wartezeiten (ca. vier Stunden) absieht. Fahrt durch Belaruss auf sehr guter Strasse ohne Probleme. Ausreise aus Belaruss kostete wieder eine geringe Strafe, weil wir wieder irgendeine Versicherung nicht hatten.

Einreise nach Polen / EU

Den Grenzübergang Koroszcyn erreichten wir am 3. 5. 04 gegen 5.30 Uhr. Mit allen Unterlagen zu den polnischen Grenztierärzten. Die waren dann der Meinung unsere Dokumente nicht akzeptieren zu müssen. Sie verlangten vor allem die Gesundheitsdokumente in polnisch und deutsch. Der Hinweis auf die Auskunft der polnischen Botschaft war wirkungslos. Ab dann wurden wir für mehrere Stunden allein gelassen und konnten von keinem eine Auskunft bekommen, was nun zu tun sei. Nach ca. vier Stunden war einer der Tierärzte bereit mit uns zu reden. Ergebnis war, wir müssten uns gültige Reisedokumente besorgen, sonst würde man uns mit dem Pferd nicht in die EU / Polen einreisen lassen. Das Problem müssten wir selbst lösen. Erst nach ca. 10 Stunden durften wir „Kaskad“ abladen und in einer der vielen Boxen unterstellen.( Koroszcyn ist ein großer Grenzübergang mit zahlreichen Viehtransporten und großer Kapazität an Ställen und Boxen).
Nach weiteren zahlreichen Versuchen mit den Tierärzten zu einer Einigung zu kommen blieb uns nichts anderes übrig als Battr, der auf dem Heimweg war, über Handy davon zu unterrichten, dass er in Elista neue Dokumente besorgen muss. Nach zwei Tagen war einer der Tierärzte bereit uns per Internet die erforderlichen Gesundheitsdokumente in polnischer und deutscher Version zu Verfügung zu stellen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen konnten wir diese an die email Adresse von Olga schicken. Per Telefon wurde eine vertrauenswürdige deutschsprechende Person informiert, wie die Dokumente auszufüllen sind. Für die polnische Version musste ein Blanko-Dokument vom kalmückischen Amtstierarzt erstellt werden, da niemand in Kalmückien polnisch kann. In Koroszcyn haben wir uns an eine Spedition zur Erledigung der Zollformalitäten gewandt. Dort erfuhren wir auch die Adresse einer Dolmetscherin deutsch/polnisch, die die polnischen Dokumente ausfüllen konnte.
Am 7. 5. 04 war Baatr dann mit den Dokumenten wieder in Brest. Olga hatte ein Multivisum für die EU und als Russin brauchte sie kein Visum für Belaruss. Sie fuhr per Autostop ( ist die einzige Möglichkeit) von Koroszcyn nach Brest und holte die Dokumente. Die polnische Version haben wir dann ausfüllen lassen. Wieder zu den polnischen Grenztierärzten. Dort wurden die Gesundheitsdokumente endlich akzeptiert. Angeblich fehlte jetzt aber noch eine ebenfalls vom Amtstierarzt in Elista ausgestellte Transportgenehmigung. Das die auch nötig war, hatte man uns bisher nicht mitgeteilt. Für 100,-- Euro übernahm der diensthabende Tierarzt die „Verantwortung“ und ließ uns endlich fahren.
Wir sind dann im Eiltempo ohne längere Pausen nach Haus gefahren
„Kaskad“ hat die Strapazen gut überstanden.

Fazit:

  • Alle Informationen, von wem auch immer, waren unvollständig und teilweise falsch.
  • Ausreise- und Einreisebestimmungen können unvorhersehbar und plötzlich geändert sein.
  • Es gibt keine Garantie für Auskünfte. (Vielleicht eine Methode, um Strafe für fehlende Dokumente kassieren zu können).
  • Rechtssicherheit ist nirgendwo gegeben. Willkür ist an der Tagesordnung.
  • Die „uniformierte Kriminalität“ war nach unseren Erfahrungen wesentlich gefährlicher und allgegenwärtiger als irgendwelche sonstigen Straßenräuber.
  • „Strafen“ sollte man sofort und ohne Debatte um die Berechtigung zahlen.
  • Grundsätzlich ist mit einem Klima großen Misstrauens und immerwährender Kontrollen zu rechnen.
  • Besonders an der Grenzstation Koroszcyn herrscht völlige Willkür der Zollbeamten. Nicht nur wir wurden mit schikanösen Methoden um einige hundert Euro erleichtert. Auch die LKW- Fahren wurden oft mit kleinlichen Methoden zur Abgabe von hohen Bestechungsgeldern genötigt.
  • Notwendig ist eine vertrauenswürdige Person in Russland, sowie Sprachkenntnisse oder Dolmetscher.
  • Angesichts dieser zahlreichen Unsicherheiten ist auch die sorgfältigste Planung einer solchen Reise oft ohne Wirkung und mit völlig unkalkulierbaren Risiken behaftet.

Positiv war:

  • der großartige Einsatz der Dolmetscherin Olga
  • das korrekte Verhalten der polnischen Dolmetscherin, die sich weigerte mehr Geld für das Ausfüllen der Dokumente zu nehmen als sie gefordert hatte
  • ein sehr hilfsbereiter Taxifahren, der uns auf der Rückfahrt kostenlos eine halbe Stunde aus Warschau rausgelotst hat

Und hier noch ein paar Bilder von dem Pferd, das das alles wert war:

 

 KASKAD in Tschagorta im Sept. 2002

KASKAD (rechts)
Trainingsrennenin Tschagorta im April 2003

vor dem Rennen in Pjatigorsk im Sept. 2003

Im Rennen über 6.000 Meter in Pjatigorsk im Sept. 2003 (2. Platz)


14. 10. 2004 - Reinhard Böker; Tulipan-Reisen