Die Gebirgskoenige und Distanzcracks aus dem Kaukasus!
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum
GRAND
RANDONNEE EQUESTRE 1996
Teil 2
Evi Wurth und Wilfried Koch aus Söchtenau bei Rosenheim haben sich einen Traum verwirklicht: sie gehen auf große Tour mit ihren Pferden, der 12jährigen Andalusier-Schimmel-Stute „Chila“ und dem 7jährigen schwarzen Kabardiner-Wallach mit dem schönen Namen „Karatschai“. Ihr langer Ritt beginnt im pfälzischen Landau und führt bei Wissembourg über die deutsch-französische Grenze, geht weiter durch das malerische Elsaß bis hinein nach Lothringen. Sie erleben Insektenplagen, aber auch die Gastfreundlichkeit der Franzosen und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen. Als am 25.Tag Karatschai eine Kolik bekommt, helfen alle. Nach zwei Tagen ist der hübsche Kabardiner wieder auf dem Damm und der große Ritt kann weitergehen.
Jetzt haben wir keine Probleme mit dem Kraftfutter mehr, denn es gibt hier überall „Gites d’Etape“, Übernachtungsherbergen, die teilweise auch von Reitern genutzt werden können. Der „Puy de Montapel“ ist mit 1287 m Höhe unser erster Gipfel. Im Tal bei Chabreloche überquerten wir die Autobahn A72.
Auf markierten Reitwanderwegen geht es hinauf in die „Monts du Forez“. Die Landschaft wird bergig und alpin, später wird die Gipfelregion karg mit Heidekraut, Blaubeeren und ohne Bäume (wie in Schottland...). Ein kühler Wind weht hier oben. Immer höher kommen wir hinauf, wir sin schon auf über 1200 m Höhe (vor kurzem waren wir noch auf 300m). Der „Perre sur Haut“ ist mit 1634 m Höhe der höchste Punkt unserer Reise. Wir galoppieren auf Sandwegen über die Hochebene. Dann reiten wir durch eine Herde wunderschöner, brauner Langhornrinder und treffen kurz darauf zwei Polizisten auf Geländemotorrädern, die uns an einem Weidegatter freundlich ansprechen. Wir unterhalten uns noch ein bisschen, dann brausen die beiden, auf ihren Motocrossmaschinen stehend, durch die tiefen Wegfurchen davon.
Wir kommen auf die 1000 m hohe Hochebene „Plateau du Velay“. Wie hoch diese Ebene ist, wird uns erst beim Blick in die steil abfallenden Täler der Loire und der Allier bewusst. Die letzten Tage übernachteten wir in Gites, in einem Schafstall, auf einem Reiterhof und auf der Weide, die uns ein älteres Ehepaar zur Verfügung gestellt hatte.
In „Le Puy“ betrachteten wir die Reste des „Equirando“, einem Reitertreffen mit 1250 Pferden, das wir um zwei Tage verpasst haben. In der Schlucht der Allier finden wir am 34. Wanderritt-Tag einen wildromantischen Pauseplatz mit hochauftragenden Felsen, Stromschnellen und Sandstrand in einer stillen Bucht hinter Felsen. Sonne, Gestein, Boden und die Pferde im Hintergrund – so liebe ich das Wanderreiten in Südfrankreich. Abends zelten wir nahe Saugues. Am nächsten Tag sind wir in einer großen „Gite d’Etape“ am Rande der „Monts de la Margeride“ (1400 m) die kleinste von drei Wanderreitergruppen. Am „Col de Trois Souers“ kommen wir in ein schweres Berggewitter, haben aber vorher noch genügend Zeit, Sättel und Gepäck abzudecken und uns Regenhosen und Ponchos anzuziehen. Wir binden die Pferde im Wald an und kauern uns in einigen Metern Entfernung auf den Boden. So lassen wir das Unwetter mit Hagelschauern über uns ergehen. Den Rest des Tages reiten wir im Regen durch Wälder und über weite, karge Hochebenen.
Nach der Überquerung des „Lot“ beginnen die „Cevennen“. Eine Nacht verbringen wir in der malerische Gite „Auriac“ am Rande des „Lozere“, eine karge, steinige Hochfläche mit vielen Felsen. Den höchsten Gipfel „Mont Lozere“ mit 1699 m Höhe umgehen wir westlich. An diesem Reit-Tag (38.Tag) ist es heiß und trocken. Hier im Lozere kommt man sich mit den Pferden vor wie in einem Indianerfilm. Wir haben faszinierenden Ausblick in die Cevennen. Hier beweist uns Karatschai seine Trittsicherheit. Alle schwierigen Passagen im Gebirge überwindet er mit Leichtigkeit und absolut sicher und man sieht die Vorteile seiner Rasse „Kabardiner“ (Gebirgspferd aus dem Kaukasus). Später fällt die Hochfläche steil ab und wird noch karger, nur noch Steine, wie in einer Steinwüste. Atemberaubende Ausblicke zeigen uns das Tal des Tarn.
An einer Gite bei Florac bekommt dann Chila neue Hufeisen. Wir überqueren den Tarn, durchreiten den „Tarnon“ und kommen in die westlichen Cevennen. Die Berge werden immer zerklüfteter. Fast jeden Tag haben wir am späten Nachmittag Gewitter. Wir kommen zu einer „Gite Equestre“, die sich als Distanzreiterzentrum herausstellt. Ein Stück reiten wir auf dem „Circuit d’ endurance de Florac“, dem bekannten 100-Meilen-Distanritt (=160 Km). Es ist enorm, was diese Pferde, die diesen Distanzritt mitgehen, hier leisten. Steil bergauf, über Felspfade und Schotterpisten. Dieser Circuit führt mitten durchs Gebirge. Heute (40.Tag) reiten wir über den 1565 m hohen „Mont Aigoual“. Leider haben wir dichtesten Nebel, man sieht kaum die Hand vor den Augen. Manchmal wichen die dichten Nebelschwaden und dann sehen wir, in welch atemberaubender Gebirgslandschaft wir hier reiten. Dann ist alles wieder dicht und wir versinken im Nebel. Ich schaue auf Karatschai eine Felsklippe hinunter und weiß nicht, ob es da vor mir 20 oder 200 Meter in die Tiefe geht. Auf schmalen Pfaden über Felsplatten oder durch Heidekraut an steilen Hängen entlang reiten wir weiter. Wir treffen auf eine große, geführte Wanderreitergruppe. Hier im Centralmassiv scheint eine Hochburg der europäischen Wanderreiterei zu sein, es gibt viele „Gites equestres“, markierte Wanderreitwegen und Landkarten, auf denen diese Wege eingezeichnet sind, bekommt man sogar im Supermarkt größerer Ortschaften. Gegen 17 Uhr erreichen wir im dichten Nebel den Gipfel des „Mont Aigoual“. Im Souvenir-Shop kaufen wir eine Postkarte, auf der man sieht, welchen Ausblick wir von hier oben hätten.
Wir verlassen den Nationalpark der Cevennen westwärts und reiten durch die „Cousses dur Larzac“, einem relativ flachen Karstgebirge. Hier wächst kaum etwas. Kalkfelsbrocken und Kalksteinhaufen prägen die karge Landschaft, über alle diese verstreut liegenden Felsbrocken. Ab und zu kann man hier noch große Schafherden sehen, ansonsten ist alles recht verlassen, das „leere Land“. Gewöhnlich sind die Causses ein äußerst trockenes Gebiet, denn das Wasser versickert sofort im durchlässigen Kalkboden des Karstgebietes. Als wir in diesem feuchten Sommer 1996 durch die Causse du Larzac reiten, regnet es, was runterkommt.
Auf einem Ferienreiterhof und Lusitano-Verkaufstall lernen wir eine junge Deutsche kennen, die hier lebt. An unserem zweiten Tag in den Causses können wir wegen starkem, anhaltenden Regen erst gegen Mittag losreiten, als wir zu dem kleinen mittelalterlichen Städtchen „La Couvertoirade“ mitten in den entvölkerten Causses kommen, hört der Regen auf. Da das Betreten der ganz dem Tourismus gewidmeten Ortschaft mit Pferden verboten ist, verzichten wir auf eine Besichtigung. Ein Erlebnis ist die ca. einstündige Durchquerung einen Teils der Causse ohne Weg nach Kompass. Grün ist dagegen das Tal, wo wir am Rande einer Feriensiedlung mit Pferden übernachten.
Durch eine waldreiche Mittelgebirgslandschaft, wie sie kaum anders in Deutschland zu finden ist, gelangen wir in den Nationalpark des „Haut Languedoc“, der im „L’ Espinouse“ gipfelt, Berge, die unglaublich steil und zerklüftet in das Tal der „Orb“ abbrechen, wo wir in einem Schrebergarten übernachten.
Die „Avant-Monts“, der Übergang von den Bergen zur Ebene „Minervois“, gefällt uns mit dem Wechsel von Kastanienwäldern und Gariggue und dem Duft nach Thymian sehr gut. Wir schließen uns hier einer kleinen Reitergruppe an, die uns zu einem deutschen Reiterhof mit Ausbildung in iberischer Reitweise begleitet. Hier verbringen wir einen netten Abend.
Wir reiten am Rand der Schluchten des kleinen „Briant“ entlang und kommen so nach „Minerver“, einer Ortschaft im Fels. Minerve war im 12. Jahrhundert eine der Hochburgen der Katharer. Jetzt boomt hier der Tourismus. Der Ritt durch die Ebene „Minerois“ lässt richtig Urlaubstimmung aufkommen – Felsen, Sonne, schattige Platanenalleen, Zypressenreihen, Oleander, der Duft nach Thymian, die Rebzeilen des Weinbaus und dazwischen gestreute Kapellen im südfranzösischen Stil. Entland des „Canal du Midi“, im Schatten der Platanen, traben wir eine große Strecke westwärts und übernachten in einer kleinen Gite am Nordrand der Corbieren.
Wir reiten durch die nördlichen Corbieren und lernen zufällig einen Deutschen kennen, der seit kurzem hier lebt. Abends feiern wir noch mit den deutschen und französischen Gästen seinen 57. Geburtstag.
An unseren 48. Wanderritt-Tag kommen wir in Gegenden, die ich kenne. Wir können oberhalb von Alet-les-Bains bei einem Bauernhof unser Zelt aufschlagen und lassen die Pferde am Hochseil grasen. An unserem 49. Tag erreichen wir unser Ziel. In Alet-les-Bains überqueren wir die „Aude“. Vorher, beim Einkaufen beim Bäcker und beim Gemüsehändler in Alet, stelle ich belustigt fest, dass sich im Dorf die Nachricht schon herumgesprochen hat, wir seien in 7 Wochen von Deutschland aus hierher geritten. Dieser letzte Wanderritt-Tag ist auch deshalb so schön, weil wir auf mir bekannten Wegen reiten. Wir genießen nochmals die karge Weite, den Duft nach Thymian...
In der Ferne kann man im Dunst die Pyrenäen erkennen. Am späten Nachmittag kommen wir bei unserem Bekannten, Dr. Willenbrink, auf der „Maitaierie de Buichet“ in der Nähe Esperanza an. Wir sind völlig begeistert, wir haben es wirklich geschafft: 1400 Kilometer von Deutschland aus quer durch Frankreich bis fast an den Nordrand der Pyrenäen!
Nur ein Tag bleibt uns in der schönen Gegen für lange Gespräche mit Willus, denn nächste Woche ist der erste Schultag von Veronika. Wir transportieren unsere Pferde mit dem Pferdeanhänger (das Gespann hat uns eine Freundin aus München superpünktlich nach Südfrankreich gebracht) zurück nach Deutschland.
Resumme: Beide Pferde haben den großen Ritt gut überstanden, wobei jedes Pferd seine eigenen Stärken hatte:
Karatschai hat sich in felsigen und steinigen Berggegenden mit schwierigen Passagen erheblich leichter getan als Chila.
Er beeindruckte uns immer wieder mit seiner enormen Trittsicherheit. Auch an den schwierigsten Wegstellen setzte er vollkommen ruhig und bedacht Huf vor Huf und machte so seiner Rasse Kabardiner alle Ehre.
Chila ist und bleibt unübertroffen in ihrer Genügsamkeit. Zu hause kämpfen wir immer mit ihrem Übergewicht. Erst nach fünf Wanderrittwochen war sie schlank, während Karatschai zu diesem Zeitpunkt schon anfing etwas zu dünn zu werden.
Dieser Wanderritt war ein Streckenritt. Für uns stand im Vordergrund, einmal ein weit entferntes Ziel mit dem Pferd zu erreichen. Dabei haben wir Land und Leute besser kennengelernt. Wenn wir wieder einmal Zeit für einen längeren Wanderritt haben, suchen wir uns die Gegend, die uns am besten gefallen hat heraus und reiten dort.
Und somit steht für uns fest: Irgendwann sieht uns das Centralmassiv wieder!!!
Evi Wurth
Quelle: Der Pferdefreund Ausgabe 5/6 1998