Thursday, 17 January 2019 10:02

Kabardiner und die Rettung der Lipizzaner

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Im Jahr 2001 bekamen wir einen Anruf von Dr. Rudolf Lessing, einem 85-jähigen Herren aus Bremen, der einen Bericht in der St.Georg über Kabardiner gelesen hatte und uns eine Geschichte dazu erzählen wollte. Karin und ich machten uns deshalb im September diesen Jahres auf den Weg nach Bremen wo wir einen der großen Hippologen unserer Zeit treffen durften.

Dr. Rudolf Lessing war eine der Personen die maßgeblich zur Rettung der Lipizzaner zum Ende des 2.Weltkrieges beigetragen hatten und diese Geschichte hatte auch etwas mit Kabardinern zu tun. Herr Lessing erzählte uns diese Geschichte und gab uns auch einiges Material mit auf den Heimweg. Karin hat dazu einen Text zusammengefasst:

Dr. Lessing ist wohl den meisten Lipizzaner-Kennern ein Begriff. Aber nur wenige wissen, dass die Rettung der Lipizzaner vielleicht weniger erfolgreich verlaufen wäre - wären da nicht die Kabardiner und deren kaukasische Reiter, gewesen.

"Wir sahen, dass Deutschland kaputt war. Denn alles, wofür wir gekämpft hatten, lag jetzt am Boden. Da war keine Zukunft abzusehen...", dieses Zitat von Dr. Lessing beschreibt eindrucksvoll die Lage Deutschlands im April 1945.
Um so erstaunlicher ist, dass in all diesem Chaos eine Insel des Friedens existiert: Hostau. Hier kümmern sich Oberstleutnant H.Rudofsky (Leiter des Lipizzaner-Gestüts), Dr. Rudolf Lessing (Stabsveterinär) und ihre Mitarbeiter liebevoll um die Erhaltung der ihr anvertrauten Rassen (u.a. Lipizzaner und Vollblüter).

Insgesamt waren an die 500 Pferde ihrer Obhut unterstellt. Die Futterbeschaffung für all die Pferde war in dieser Zeit der Not ein ständiges Problem. Zu allem Übel fanden sich aber im März 1945 nochmals etwa 170 Pferde in Hostau ein. Hierbei handelte es sich um russische Pferde, darunter auch 60 Kabardiner und Anglo-Kabardiner. Auf der Flucht vor der Roten Armee waren diese Pferde samt kaukasischen Reitern unter der Leitung von Fürst Amassow aus Polen gekommen. Obgleich nun noch mehr Münder zu stopfen waren, verbindet Dr. Lessing nur angenehme Erinnerungen an die Truppe von Fürst Amassov. "Ein feiner Herr ist dieser Amassow gewesen, und seine Reiter machten sich nützlich, wo es ging", so Lessing. Was Lessing zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass diese Reiter nur wenig später eine bedeutende Hilfe darstellen sollten...

Die Situation für Deutschland wurde zunehmend brisanter, und auch in Hostau wurde man zunehmend unruhig, da man exakt zwischen der zusammenrückenden russischen und amerikanischen Front lag. Der letzte erfolgte deutsche Befehl an das Gestüt Hostau lautete, mit den Pferden an Ort und Stelle zu bleiben und sich bis auf das Äußerste zu verteidigen. Angesichts der hoffnungslosen Lage wirkte dieser Befehl aber mehr als fragwürdig.

Ende April war es dann so weit: die amerikanische Front gelangte unweit von Hostau an. Hostau selbst lag auf ehemals tschechischem Gebiet und war daher nach dem Abkommen von Jalta den Russen vorbehalten. Doch den Russen wollte eigentlich keiner die kostbaren Pferde überlassen - weder die Deutschen noch die Amerikaner. Und so suchte man gemeinsam nach einem Ausweg. Daß diese heimlichen Kapitulationsverhandlungen mit dem Feind Amerika höchst riskant waren, erklärt sich von selbst. Die grösste Gefahr drohte von unbelehrbaren Hitler-Anhängern, die selbst jetzt noch nicht an Kapitulation dachten. Kooperation mit dem Feind galt auch zu diesem Zeitpunkt noch als Hochverrat und wurde ggf. auch jetzt noch mit der Todesstrafe geahndet.

Hostau fiel - wie gesagt - nicht in den Zuständigkeitsbereich der Amerikaner, und so beschloß man kurzerhand, die Pferde nach Bayern zu übersiedeln, welches bereits von den Amerikanern eingenommen war. Da der Transport einer derart grossen Pferdeherde mit LKWs viel zu lange gedauert hätte, musste der Großteil der Pferde die 40 km lange Strecke nach Kötzting/Furth getrieben werden. Hierzu wurden die Pferde in Gruppen von bis zu 80 Pferden eingeteilt, und jede Gruppe sollte von 5-6 Reitern flankiert werden. Nun ergab sich aber ein grosses Problem: fast das ganze Personal Hostaus hatte die Gunst der Stunde genutzt und war quasi über Nacht Richtung Heimat verschwunden. Jetzt stellte sich die Anwesenheit der russischen Pferde als grosser Glücksfall heraus.

Rudofsky: "... in der Not der Stunde bat ich Fürst Amassow, unter seinen Kabardiner- und Don-Stuten so viele verlässliche Reit- und Zugpferde auszusuchen, wie zur Begleitung des Transportes nötig waren." Die Kaukasen kamen dieser Bitte gerne nach, auf diese Weise konnten schließlich auch sie sich in den Westen absetzen.

Am 15.Mai um 5 Uhr morgens setzte sich der Treck schließlich in Bewegung. Auf den Begleitfahrzeugen nahm man so viele Flüchtlinge auf, wie es nur ging. Deklamiert als Gestütspersonal war es ihre letzte Gelegenheit Tschechien zu verlassen, bevor die Russen eintrafen. Bis zur tschechischen Grenze verlief alles planmäßig - nicht ein einziges Pferd konnte sich von der Gruppe lösen. Doch an der Grenze verwehrten tschechische Partisanen unter Waffengewalt den Durchmarsch und wollten den Treck zur Umkehr zwingen.

Durch die Verzögerung rückten in der Folge die einzelnen Gruppen zu dicht auf und die jungen, ungestümen Hengste veranstalteten ein kleines Durcheinander. Es konnte nicht verhindert werden, dass einige Pferde die Flucht ergriffen. Sollte nicht auch noch die restliche Herde dem Chaos verfallen, musste schnell etwas passieren. Daher ließ ein amerikanischer Oberleutnant kurzerhand einen Panzerspähwagen vorfahren und die Kanone auf das Zollhaus richten. Urplötzlich gingen die Schranken nun auf und die Pferde konnten endlich die Grenze passieren.

In Bayern angelangt wurden die 500 Pferde auf diverse Ortschaften und Höfe verteilt. Im Laufe der Zeit fanden sich fast alle Lipizzaner wieder in ihrer alten Heimat ein, die Amerikaner behielten größzügigerweise nur wenige Exemplare. Die Spur der Kabardiner verliert sich hier leider. Laut Dr. Lessing verblieb ein Teil der Kabardiner in Hessen, wo sie als Serumpferde dienten und ein angenehmes Leben führten. Sicher sind auch einige in der der Landwirtschaft, auf Höfen und damit in der Landzucht gelandet.

So trugen auch die kleinen kaukasischen Kabardiner ihren Teil zur Rettung einer der berühmtesten Pferderassen der Welt bei. 


Für Karin und mich  war die freundliche Aufnahme bei Herrn Dr. Lessing etwas ganz Besonderes. Die Begegnung mit einer historisch so bedeutenden Person war uns nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch eine persönliche Bereicherung. Für das Folgejahr war dann ein weiteres Treffen geplant. Dr. Lessing wollte nach München kommen um bei der Pferde der Welt in München als Richter der Zuchtschau zu fungieren. Damals war Tobias Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes und freute sich besonders über diese Möglichkeit. Leider erreichte uns kurz vorher die überraschende Nachricht zum Tode von Herrn Dr. Rudolf Lessing. Hier noch die Nachrufe zu Herrn Dr. Lessing die Karin und ich damals verfassten sowie von Dietbert Arnold einem langjährigen Freund von Dr.Lessing der mir den Text ebenfalls zur Veröffentlichung damals zugesendet hat.


Nachruf auf Herrn Dr. Rudolf Lessing - verstorben Pfingsten 2002

Vor einigen Tagen ereilte uns die überaus traurige Nachricht, dass Dr. Rudolf Lessing (siehe artikel "Kabardiner und die Rettung der Lipizzaner") plötzlich verstorben ist.
Einige von Euch wissen vielleicht, dass er sich - trotz seines hohen Alters - bereit erklärt hatte, am 27./28. Juli in München Riem als Zuchtrichter einzuspringen für die Rassen Kabardiner und Lipizzaner.
Mit seinem Tod verlieren wir nicht nur einen anerkannten, versierten Pferdefachmann. Selten habe ich einen Menschen kennen gelernt, der einen derart starken Eindruck bei mir hinterließ.
Sein Mut, seine Erfahrung, sein mit 85 Jahren ungebremster Unternehmungsgeist werden mir immer ein Vorbild sein. Karin Stadtherr 

Ich möchte noch anmerken, dass es auch mir eine große Ehre war Herrn Dr. Rudolf Lessing persönlich kennen gelernt zu haben. Er nahm Kontakt zu mir auf, weil er mir unbedingt etwas über Kabardiner erzählen wollte (siehe artikel "Kabardiner und die Rettung der Lipizzaner"). Allein dieser Besuch hinterließ auch bei mir einen bleibenden Eindruck. Als ich ihn Anfang des Jahres fragte, ob er als Richter der Kabardiner für den bayrischen Zuchtverband tätig sein wolle, war er gerade aus Gran Canaria zurück, hat mir von dem wunderbaren Urlaub und schelmisch von den vielen hübschen Damen dort erzählt und war rundum zufrieden. Ich bin mir sicher er hatte ein erfülltes, langes und glückliches Leben, es war mir eine Ehre in kennen gelernt zu haben und ich werde ihn nicht vergessen. Tobias Knoll


Trauer um einen großen Hippologen: Dr. Rudolf Lessing verstorben

Im Alter von 85 Jahren verstarb an Pfingsten der Tierarzt Dr. Rudolf Lessing. Er war das, was man als großen Pferdemann, eben einen Hippologen bezeichnet. Weltweite Berühmtheit erlangte der junge Veterinäroffizier Lessing, als er in den letzten Kriegstagen, entgegen seinen Befehlen, in einer handstreichartigen Aktion dafür sorgte, dass die im tschechischen Hostau zusammengezogene Lipizzanerzucht gerettet werden konnte. So ganz nebenher wurde dabei auch noch verhindert, dass 12.000 Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft gerieten. "Ich war zufällig zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle und es war eben ein unerhörter Glücksfall, dass die Amerikaner auch noch Pferdefreunde waren" beschrieb Dr. Lessing in seiner ihm eigenen Bescheidenheit immer wieder diese Situation. Gleich nach dem Kriege, als alle nur daran dachten, satt zu werden, gründete Dr. Lessing in Schwanewede bei Bremen den Reitverein Rosenberg wieder neu und sorgte schon bald dafür, dass dort die erste Reithalle weit und breit entstand. Ähnlich visionär auch seine damaligen Vorstellungen zur Pferdezucht: Die schweren bäuerlichen Pferde mit Vollblütern veredeln. Sofort setzte sich Dr. Lessing 1947 mit dem Celler Landstallmeister Steinkopff zusammen und sorgte dafür, dass der von zahlreiche Derbysiegern abstammende Graditzer Vollblüter Adlerschild xx in Uthlede aufgestellt wurde. "Je Ideoten, de Fohlens de holt us de Kreien von de Weide" urteilten damals viele Bauern der Umgebung. "Man muss im ganzen Leben eben seinen eigenen, gradlinigen Weg gehen", war Dr. Lessings Kommentar zu dieser Geschichte. Diese Haltung hat er immer beibehalten und war auch deshalb als Tierarzt, Richter, Vereinsvorsitzender, Mitglied der Rennleitung beim Bremer Rennverein sowie Lehrer bei den Fachklassen für Pferdewirten in Bremen so beliebt. Anfangs unterrichtete er den Berufsnachwuchs noch ehrenamtlich und sorgte dann noch dafür, dass sein Nachfolger auch ja gut eingearbeitet wurde. Auch wieder ehrenamtlich! Zu den Fachklassen für Pferdewirten hielt Dr. Lessing bis zum Tode einen engen Kontakt, begleitete sie zu Exkursionen, stiftete Preise für Auszubildendenrennen, begeisterte immer wieder die vielen ausländischen Besucher der Bremer Berufsschule und war dort einfach ein gern gesehener Gast und wertvoller Ratgeber. Dr. Lessings Lebensleistung wurde durch zahlreiche Ehrenmitgliedschaften und Auszeichnungen gewürdigt. Besonders stolz war Dr. Lessing über das goldene Reiterkreuz, dass ihm von der FN verliehen wurde. Stilvoll während einer Lipizzanergala in der Stadthalle Bremen. Das anschließende herzliche Zusammensein mit "seinen" Lipizzanern und den Reitern der Spanischen Reitschule war ihm bald noch wichtiger.
Dietbert Arnold

 

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