Pia

2008

Pia bereitet den Besitzern immer mehr Freude und geht sogar erste Distanzen und auch Dressur

Pia – über alle Kardinalfehler bis hin zur Hoffnung auf das Dream-Team

Eigentlich erlebt man meinen Mann und mich als spontane Menschen und unser Gespür für den richtigen Entschluss zur richtigen Zeit hat uns bislang selten enttäuscht. Mit Pia sollte unser Vertrauen in unser Gespür auf eine harte Probe gestellt werden.

Mit unserer optimistischen Grundhaltung gingen wir wenige Tage nach dem Tod unserer geliebten alten Trakehnerstute zum Pferde-Gucken; wir stellten uns auf eine lange Suche ein. Da begegneten wir Pia. Sie wurde als „Freizeitpferd für die ganze Familie“ verkauft. Sie war bildschön und hatte fantastische Bewegungen. Die Vorbesitzerin hatte sie soweit ausgebildet, dass sie Dressur L-Lektionen konnte; weiter noch: sie arbeitete gerade an Wechseln und Außengalopp mit ihr.

Greenhorns wie wir waren, erst 1,5 Jahre auf dem Sattel, beeindruckte uns das ungemein, die mitgebrachte Reitlehrerin gab grünes Licht, und wir kauften sie, ohne sie richtig probegeritten oder eine Ankaufsuntersuchung gemacht zu haben, noch am selben Abend.

Als Pia wenige Tage später in unseren Stall kam, gefiel ihr das zunächst überhaupt nicht. Sie führte sich in ihrer Box auf wie eine Furie, drohte und stieg. Auch wenn sie auf dem Winterauslauf war und ein Mensch kam ihr zu nahe, spulte sie ihr imposantes Droh-Programm ab.

Sie wusste, wie sie Panikhaken lösen kann und machte sich vom Anbindeplatz regelmäßig frei.

Bei Ausritten fing sie an zu buckeln und zu steigen, sobald wir auf weiche Wege gingen, und es kam, wie es kommen musste: bei einem Ausritt bei Regen, Wind und Dunkelheit stürzte mein Mann mit ihr in einer Kurve (er war allein mit ihr unterwegs) und zog sich eine schwere Gehirnerschütterung zu. Sein Helm verhinderte Schlimmeres!

Jetzt war er für einen Monat ausgeschaltet und ich kümmerte mich um Pia. Von der Ausbildung meines Haflinger-Youngsters hatte ich schon gute Erfahrungen mit dem Join-up gemacht und so stieg ich mit Pia in den Ring, um einmal die Rangfolge zu klären. Pia ließ sich nicht joinen, sie nahm die Herausforderung an und jagte mich, bis ich mich hinter die Bande rettete.

Eine Woche später war der Bann gebrochen, sie riss sich nicht mehr los, ließ die Menschen in ihre Box und hörte komplett mit dem Steigen auf. Bis auf ein paar kleine Auseinandersetzungen, in denen sie ihre Reiter immer mal wieder getestet hat (über-die Schulter-wegrennen, buckeln, wenn sie meinte, nicht das tun zu wollen, was der Reiter will), wurde sie immer zahmer und stellte sich mit der Zeit sogar als besonders nervenstarkes Geländepferd heraus.

Als mein Mann wieder aufstieg, hatte er nicht gedacht, dass ihm sein Trauma so sehr im Weg sein würde. Pia war nicht unkompliziert, sie war nur nicht mehr so unberechenbar wie vordem. Sobald sie sich jedoch aufspannte, wurde es für meinem Mann zuviel und er wollte absteigen. Mit seinem festen Willen und der Zuneigung zu Pia kämpfte er das ganze letzte Jahr, den Bann zu brechen und war zuletzt kurz davor, das Reiten komplett aufzugeben. Da beschlossen wir im Frühjahr diesen Jahres, Pia zu verkaufen.

Wir setzten eine Anzeige hier auf die Kabardiner-Seiten, denn wir wollten, dass sie zu Menschen kommt, die bereit sind, sich auf diese Rasse richtig einzulassen bzw. sie schon kennen; verstehen, dass hinter der ganzen Show keine Böswilligkeit steckt, sondern dass Kabardiner einfach anders ticken als andere Pferde.

Pia kann lesen (und hat Internet-Anschluss). Zu diesem Urteil kamen wir, als wir ihre Reaktion in den Wochen darauf sahen. Mit einem Mal war nichts mehr zu spüren von dem ganzen Widerstand, der uns und vor allem meinem Mann das Leben so schwer gemacht hat. Wir machten endlich wieder lange Ausritte auch zu Wegen, die den Pferden nicht bekannt waren, und hatten einen riesigen Spaß dabei. Pia begeisterte durch ihre enorme Ausdauer, einen wahnsinnig raumgreifenden und ökonomischen Trab, bei dem mir mit meinem eigentlich doch fleißigen Hafi nur der Galopp bleibt. Wenn mein Mann in den Stall kam und nur mit irgendjemand sprach, kam aus Pias Ecke ein tiefes Grummeln. Sie nahm uns sämtliche Verkaufsargumente. Dennoch wollten wir sie verkaufen, weil sie bei uns nicht im Offenstall stehen kann und sie durch ihr Verhalten zu Beginn einen fürchterlichen Ruf hat, so dass kein Einsteller sein Pferd mit ihr auf die Koppel stellen will. Mit meinem Hafi bin ich bereits in einen kleinen Offenstall umgezogen; dort ist aber kein Platz für Pia. So steht Pia Sommers allein auf der Koppel und Winters allein auf dem Winterauslauf; die Boxen sind hoch vergittert, so dass sie keinen echten Kumpel hat.

Es enttäuschte uns aber die Reaktion auf unsere Anzeige, weil sich alle, die sich meldeten, am reellen Preis störten (der noch verhandelbar war), ohne sie überhaupt gesehen und geritten zu haben. Da beschlossen wir, sie zu behalten. Sie ist zwar nicht gerade das Familienpferd, denn ich fürchte, die Kinder würden sich mit ihr auch erst einmal auseinander setzen müssen, bevor Pia ihre Anweisungen duldet, zudem nimmt sie Ungerechtigkeiten übel. Wenn sich der Reiter beim Galopp auf dem Zirkel am Zügel hält und innen festmacht, stürmt sie fürchterlich los, ebenso quittiert sie ungerechtfertigte (oder unabsichtliche) Gertenstreiche mit einem empörten Buckler. Also nichts für Kinder, die zudem nicht so ehrgeizig sind, sich da durch zu beißen.

Beim Ritt mit der Familie jedoch, wenn mein Youngster-Hafi und das Welsh-Araber-Pony der Kinder mal wieder spinnen und/oder rennen wollen, ist sie das Verlasspferd, dass immer regulierbar bleibt und auch wieder Ruhe in die Gruppe bringt. Wer hätts gedacht?


Auszug aus der damaligen Verkaufsanzeige:

Pia ist dunkelbraun mit einer kleinen Flocke auf der Stirn, Stockmaß 162cm und ca. 13 Jahre alt. Sie hat eine gute  (FN-) Ausbildung: sie kann Dressur L-Lektionen, springt auch gerne und gut – bestimmt bis A, sie lässt sich frei longieren und reagiert sehr gut auf Stimme und feinste Hilfen. Besonders an ihr ist ihre enorme Ausdauer und Regenerationsfähigkeit. Pia will arbeiten und gefordert werden; allerdings testet sie auch hin und wieder ihren Reiter!

Im Gelände ist sie unerschrocken, straßen- und schleppertauglich. Bei geeignetem Boden zeigt sie im Gelände einen flotten gebrochenen Trab, der sehr gut zu sitzen ist. Sie kann schier endlos traben.

Im Umgang  mit dem Menschen und anderen Pferden ist sie wählerisch. Sie braucht, bis sie Vertrauen gefasst hat und bleibt bis dahin reserviert. Zu Kindern ist sie sehr mütterlich und lieb; bei Fremden zeigt sie unter Umständen imposante Drohgebärden. (Sie tut aber nichts) Hänger und Schmied sind kein Problem (sehr harte Hufe, geht barfuss)

Bei richtiger Behandlung wird sie unwahrscheinlich schmusig und zugewandt.


Mehr Bilder:

 

Bericht von September 2003, Fotos groß von Sommer 2003, Fotos klein (anklickbar) von Januar 2003