Mongol

Kabardinerwallach ca. 20 Jahre alt, im Besitz von Karin Stadtherr.

Fotos von der Bayerwalddistanz 2004. Mongol erreichte den 4.Platz und gewann den Konditionspreis

Fotos im Trainingszeitraum Juni 2004

Danke, Mongol ! (Bericht von Ende 2003)

So, wie ein Fahrschüler sich in einem Rennwagen fühlt, so erlebte ich meinen ersten Ritt auf Mongol. Wer Mongol ist? Dazu muß ich wohl etwas weiter ausholen...


Mongol wurde in Kabardino-Balkarien geboren, sein Züchter ist der aktuelle Leiter des Hippodroms in Nalchik. Seine ersten Jahre verbrachte er dort, bis er von Tscherkessen gestohlen wurde. Diese benutzen ihn als "Milchtransportpferd". Im Kaukasus wird aus Stutenmilch das begehrte, vergorene Getränk "Kumis" gewonnen. Da die Stuten im Sommer auf Gebirgsalmen weiden, muß täglich die Milch abtransportiert werden, was Mongols Job war.

Leider erging es Mongol bei seinen neuen  "Besitzern" nicht sehr gut. Tiefe Narben an Rücken, Maul und Fesseln sowie etliche weisse Stellen im Fell zeugen von den Qualen, die er erdulden musste. Das einzig Positive an Mongols Job war sein permanentes Höhentraining - ideal als Vorbereitung für Distanzritte. Dies muß unser tscherkessischer Freund Ibragim Yagan geahnt haben, als er ihn vor einigen Jahren erwarb und begann, ihn trainieren zu lassen. Einen  großen Verdienst an Mongols Erfolgen leistete sicher Igor Skladanjuk, ebenfalls ein Freund Ibragims. Er zeigte dem mittlerweile sehr verschlossenen Mongol, daß nicht alle Menschen Pferdeschinder sind und bereitete ihn auf die russische Meisterschaft 2002 vor.

Der zerschundene Mongol überraschte wohl alle (außer Igor, der fest an ihn glaubte), mit seinem 4. Platz. Der eindruckvollste Beweis seines Leistungsvermögens ist, daß er Kilometer 135-145 im gestreckten Galopp zurücklegte und sich sein Puls danach trotzdem schnell genug erholte, um nicht disqualifiziert zu werden. Einige Monate später sollte Mongol dann in der WM in Spanien sein Bestes geben. Leider vernagelte sich der Schmied kurz vor dem Wettkampf, so daß Mongol aufgrund einer Hufspalte nicht starten konnte. Igors Enttäuschung kann sich wohl jeder vorstellen.

Nach der WM wurde Mongol mit den anderen Distanzcracks von Ibragim zunächst nach Frankreich gebracht. Ein Tschetschene versprach dort, sich gut um die Tiere zu kümmern, während Ibragim noch an anderen Distanzritten in Frankreich teilnahm. Leider hatte der Tschetschene keine Ahnung von Pferden und fütterte die Tiere mehr schlecht als recht. Da Mongol sehr rangniedrig ist, erwischte er - in Konkurrenz mit u.a. 2 Hengsten - am allerwenigsten.

Im November 2002 bot er uns bei seinem Eintreffen auf unserem Hof ein Bild des Grauens: er bestand praktisch nur aus Haut und Knochen, ich war entsetzt. Dazu gesellte sich ein hartnäckiger Husten, den ich die nächsten Monate vehement behandelte: Ventipullmin, Berge von ACC, nasses Heu, Offenstall, 2x täglich Tee aus 8 verschiedenen Kräutern. Die Besserung trat nur zögerlich ein, auch die Gewichtszunahme ging nur langsam vonstatten. Eigentlich sollten wir Mongol für Ibragim verkaufen - doch wer sollte an dieser "Rosinante" Interesse haben? So beschlossen wir, Mongol bis zu seiner Genesung zu behalten. Ich dachte mir, ein wenig Bewegung könnte ihm nicht schaden und begann ihn zu reiten, sobald ich es ihm physisch zumuten konnte.  Ich erlebte mein blaues Wunder: das Pferd, das soeben noch hängenden Kopfes gelangweilt neben mir vor sich hindöste, entwickelte sich zu einem temperamentvollen Feuerstuhl, sobald ich oben war. Mongol war ein einziges Energiebündel, jede Faser in ihm wollte laufen, laufen, laufen... Zwar ging er nie durch, aber nur mein mitunter starker körperlicher Einsatz (meine Ringfinger hatte zu dieser Zeit permanent Blasen) hielt ihn davon ab. An Schritt war nicht zu denken.

Ich nahm Kontakt zu Igor auf, der mir einen ganz anderen Mongol schilderte: ruhig, so lange kein anderes Pferd zugegen war. Also gut - ritt ich ihn eben alleine, wo er aber anfangs auch nicht viel langsamer laufen wollte. Ein typischer Ausritt verlief folgendermaßen: Mongol ergreift die Initiative und trabt an, ich pariere durch und gebe die Zügel nach, Mongol zieht mir den Zügel weiter aus der Hand und trabt wieder an, ich pariere wieder durch... Dieses Spiel wiederholte sich pro Ausritt ungelogen hunderte Male. Es war wie psychologische Kriegsführung - wer würde die grössere Ausdauer haben, er oder ich? Oft war ich am Verzweifeln, irgendwann musste doch sogar dieses halsstarrige Monster registrieren, daß ich ihm nur dann Unbehagen im Maul zufügte, wenn er nicht das Tempo einhielt, das mir vorschwebte. Dieses Desaster zog sich Woche um Woche, wenn nicht sogar monatelang dahin. Parallel begann ich Bahnarbeit mit ihm und bemerkte, daß er reichlich steif in den Biegungen war.

Und irgendwann, ganz unverhofft, kam er, der Tag X - der Tag, an dem Mongol meinen Geschwindigkeitswunsch akzeptierte! Ich war wie von Sinnen, den Tränen nahe. Es folgten zwar noch einige Rückschläge, aber der Bann war gebrochen. Beflügelt durch den Erfolg begann in mir der Wunsch zu reifen, ihn ordentlich auf Distanzen zu trainieren. Und weil ich ein anspruchsvoller Mensch bin (aber lange nicht so ehrgeizig wie Mongol), sollte es ein richtig professionelles Training sein.

Ich holte mir von zahlreichen Distanzreitern gute Ratschläge - Beschlag, Sattel, Fütterung, Trainingsmethoden - alles sollte möglichst optimal sein. Dann begannen sie also, die Tage, an denen man sich in Hagelstürmen reitend zurückerinnert an die gemütliche Zeit vor dem Distanzreiten. Zunächst musste ich Mongol gegenüber einiges aufholen. Nach spätestens einer Stunde Traben im Schwebesitz war ich platt, noch schlimmer waren die aufgewetzten Knie, die zu einem Dauerleiden wurden. Mongol dagegen war begeistert, endlich durfte er seiner Passion, dem Laufen, nachgehen. Die "Genugtuung", ihn mal erschöpft zu sehen, hat er mir nie gegönnt. Er ist ein Bündel an Kraft und Energie, zudem ist er auch psychisch das stärkste Pferd, das ich je kannte (und das will was heißen bei einem jahrelangen Kabardiner- und Lipizzanerbesitzer). Aus der Fassung bringt ihn so schnell nichts - ob man fast mit einem um die Ecke schießenden Mountainbiker zusammenstößt oder ob die Trainingsstrecke im Galopp quer durch eine Schafherde hindurchführt - wer bremst, verliert.

Durch das Training sind wir ein gutes Team geworden, ich vertraute ihm mehr (und ließ ihn wieder galoppieren) und er vertraute mir mehr (aha, man kommt auch ohne Renngalopp ans Ziel). Es nahte der Tag, an dem sich zeigen sollte, ob sich Mongol tatsächlich gesundheitlich wieder erholt hatte. Zu diesem Zweck meldeten wir ihn zum 84 km langen Donauperlenritt bei Passau an. Da mir die Strecke (noch) zu lang war, baten wir Monika Kröz, ihn für uns zu reiten. Diese Entscheidung war goldrichtig, wir hätten uns keinen besseren, einfühlsameren Reiter für den ehrgeizigen, nicht immer einfach zu kontrollierenden Mongol wünschen können.

In Passau zeigte Mongol sich als absoluter Vollprofi, von uns allen war er mit Sicherheit der Ruhigste. Mit an Überheblichkeit grenzender Gelassenheit ließ er sich in den Vet Gates verwöhnen, seine Trittsicherheit war atemberaubend und seine Pulswerte unübertroffen.

Sogar an der Spitze einer Gruppe ließ er sich schön kontrollieren (hatten wir daheim auch brav geübt mit unserem armen Merlin, der immer hinterherkeuchte). Gegen Schluß steigerte er sein Tempo immer weiter, so daß er trotz 5-minütigem Nachstarten nur 10 Minuten hinter dem Ersten übermütig ins Ziel galoppierte. Ich war unglaublich stolz auf ihn, hatten doch einige der Mitstreiter angewidert die Nase gerümpft, als der zerschundene Mongol neben ihren schicken Arabern auftauchte (zugegeben, Mongol ist eher von derber Schönheit :-) ).

   

Der Zieleinlauf und überhaupt der Ritt waren eines der schönsten Erlebnisse in meinem Leben.

Ich möchte Dir dafür danken, Mongol. Dein Ehrgeiz, Deine Ausdauer, Deine Treue, Deine Übersicht - so mancher Mensch könnte von Deinem Charakter lernen. Du hast mir die Chance gegeben, mich einmal in meinem Leben als Weltklasse-Reiter auf einem Weltklasse-Pferd zu fühlen - ich war Distanzreiter für einen Sommer lang...


Nachtrag: Sicher wird Mongol auch in Zukunft von sich hören lassen -  Planungen und Ideen laufen: Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft... wer weiß schon, was die Zukunft bringt? - Wir werden's sehen!